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Laudatio
Festrede
anlässlich der
Verleihung des Otto Brenner Preises 2006
für kritischen Journalismus
Frank A. Meyer
Ringier-Verlag
Sehr verehrte Damen und Herren,
am 28. September war in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ folgende Schlagzeile zu lesen: „Erkennen die Regierenden die Flammenschrift an der Wand?“
Der „Spiegel“ vom 30. September gab unter dem Titel „Die Koalition der Kraftlosen“ die ätzend-vernichtende Antwort, flammend formuliert und an Boshaftigkeit kaum mehr zu überbieten: Nein! Die Politiker der Grossen Koalition erkennen das Menetekel nicht.
Wenn sie überhaupt regieren! Denn genau das stellte das Nachrichtenmagazin in Frage – mit der Verkaufszeile: „Wer regiert Deutschland?“ Und für alle, die es noch immer nicht verstanden haben, karikierte die Titelseite Angela Merkel und Franz Müntefering in der Rolle des verschrobenen Don Quichotte und seines tumb-schlauen Partners Sancho Pansa, auf deren Mienen sich Verblüffung und Überforderung spiegeln.
Ebenfalls zu lesen war im „Spiegel“, dass immer mehr Deutsche ihr Land verlassen, weil sie diese deutschen Verhältnisse nicht mehr ertragen.
Mehr noch: Die Auszehrung Deutschlands steht bevor, mit den Emigranten „verschwindet wertvolles Wissen, die wirtschaftlichen Folgen sind fatal“, wie der „Spiegel“ konstatiert.
So vollziehen, aus journalistischer Sicht jedenfalls, die einfachen Deutschen, was der hochmögende Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, auch gern täte: „Wenn ich jünger wäre und diese Aufgabe nicht hätte, wäre ich längst weg.“
Es ist ein Wunder, sehr verehrte Damen und Herren, dass ich unter diesen Umständen überhaupt hier vor Ihnen stehe.
Denn wenn man liest, was in Deutschland über Deutschland geschrieben wird, geklagt wird, gehöhnt und geschimpft wird, dann bliebe man doch am besten zu Hause in der Schweiz, noch besser in Thomas Manns letztem deutschlandfernen Domizil Kilchberg am Zürichsee, wo ich wohne – in jeder Hinsicht sicher und durch die Schweizer Luftwaffe geschützt.
Ein Vers der alten schweizerischen Nationalhymne lautete: „Nie vor Gefahren bleich.“ Ich sang diese Nationalhymne noch. Und ich halte mich an die todesmutige Devise der alten Eidgenossen. Darum, meine sehr verehrten Damen und Herren, bin ich heute trotzdem hier.
Reden soll ich über Journalismus. Eine Festrede soll es sein. In höchst unfestlicher Zeit, wie ich an Schlagzeilen und Titelbildern der deutschen Presse erkennen muss.
Was fällt mir zum deutschen Journalismus ein? Oder, konkreter: Was fällt mir am deutschen Journalismus auf?
Es fällt mir auf, und zwar nicht erst heute, sondern seit einigen Jahren, ganz besonders in den letzten beiden: Die Politikfeindlichkeit der Medien.
Liest man die Zeitungen und Zeitschriften, schaut man Fernsehen, so erscheinen die deutschen Politiker als notorische Lügner, als skrupellose Geldverschwender, als machtversessene Hallodris, kurzum als Angeklagte, die es zu verhören gilt, wie die „Bild-Zeitung“, diese Staatsanwaltschaft aus eigenem Recht, es vor einiger Zeit mit Norbert Blüm vorexerzierte.
Die Politik in Deutschland taugt also nichts. Sie löst nicht die Probleme, sie bringt stattdessen Gesetzesmonster zur Welt. Ein offenbar besonders abschreckendes Beispiel: die Gesundheitsreform.
Auch sieht diese Politik nicht – wie einst am Vorabend des Ersten Weltkriegs Wilhelm II. – „nur noch Deutsche“, nein, sie ist parteiisch. Ich zitiere noch einmal den „Spiegel“, der in einem Artikel über die Partner der Grossen Koalition vorwurfsvoll befand: „Zuerst die Partei, dann das Land.“
Als politischer Journalist, seit bald 40 Jahren akkreditiert im Berner Bundeshaus, erlaube ich mir die Frage: Gibt es Demokratie ohne Parteien? Und gibt es Parteien ohne Parteilichkeit?
Wo bin ich, wenn ich in Deutschland bin? In einer Demokratie? Oder in einem Land voll unerfüllter Sehnsucht nach dem politischen Führertum?
Ich komme aus einem Land, das seit 1959 nicht nur mit einer Grossen Koalition, sondern mit einer grössten Koalition lebt: Vier Parteien, die sich Jahr um Jahr raufen und zusammenraufen. Und wie sieht es aus in diesem meinem Land? Steht die Schweiz vor dem Untergang?
Die Schweiz ist das Land, wo der politische Berg immer wieder Mäuse gebiert, wo Kompromiss und Konsens und Konkordanz zur politischen Kultur geworden sind. Doch mehr und mehr Deutsche, von meinem Taxi-Chauffeur bis zum Manager, wollen nichts wie weg in die Schweiz. Begreife ich da etwas nicht?
Doch ich soll hier ja vom Journalismus reden...
Erlauben Sie mir also, meine Damen und Herren, über die Rolle der Journalisten in unserer modernen und medial total vernetzten Gesellschaft nachzudenken – und zwar laut!
Es ist richtig, dass der Journalismus untrennbar verbunden ist mit der Demokratie, genauer: mit der Politik in der Demokratie.
Denkt man sich in der offenen Gesellschaft die Medien weg, gibt es nämlich die offene Gesellschaft nicht mehr.
Das verleiht uns Journalisten Bedeutung, lässt uns geradezu staatstragend erscheinen, irgendwie sogar... ehrwürdig. Vielleicht macht es uns auch eitel.
Aber sei’s drum, wer nicht eitel ist, der gehört nicht in diesen Beruf.
Nur eine einzige kleine Bescheidenheit wäre von uns Journalisten und Journalistinnen vielleicht doch einzufordern: Die Einsicht, dass wir nicht die Demokratie selbst sind, ja nicht einmal das Volk selbst, das schliesslich in der Demokratie bis jetzt – auch in Deutschland! – noch mit dem Wahlzettel über die Ausrichtung der Politik zu bestimmen hat.
Aber was sind wir, wenn wir weder die Demokratie selbst noch das Volk selbst sind? Diener oder Herren? Wir sollten keinen Herren dienen, das vor allem. Aber: Auch als Herren sollten wir uns nicht aufspielen.
Ich bin nun seit einiger Zeit, nicht zuletzt auf Grund von Beobachtungen in diesem Ihrem Deutschland, ein wenig unsicher, ob sich die Medien und ihre Journalisten hier zu Lande der Pflicht zu solcher Bescheidenheit auch wirklich bewusst sind – und zwar im Alltag bewusst: beim Schreiben in der Zeitung, beim Reden im Rundfunk und im Fernsehen.
Wenn ich die Medien in ihrer Omnipräsenz beobachte, dann überkommt mich der ungute Eindruck von Macht. Von gewaltiger Macht. Von lückenlos vernetzter Macht. Von letztlich weltumspannender Macht. Und von gesellschaftsumklammernder Macht.
Ich weiss, das Bild vom Netz der Medien, in dem die Bürger zappeln, ist ein böses Bild, denn angetreten sind die Journalisten in der Geschichte von Freiheit und Demokratie stets als Feinde der Macht, als Bezwinger der Macht. Als Drachentöter.
Und die jüngste Geschichte kennt ja das grosse Beispiel dafür, wie die Medien dieser Rolle gerecht wurden: Die „Spiegel“-Affäre mit dem
Drachen Franz-Josef Strauss und dem Drachentöter Rudolf Augstein.
Das war der entscheidende Durchbruch zur modernen demokratischen Gesellschaft in Deutschland. Und Journalisten waren es, die diesen Durchbruch erkämpften.
Ich war damals 18-jährig. Ich wusste schon, dass ich Journalist werden wollte, schrieb wöchentlich eine Kolumne in der sozialdemokratischen „Seeländer Volkszeitung“ meiner zweisprachigen Heimatstadt BielBienne. Ich fieberte mit den „Spiegel“-Leuten. Sie waren für mich Helden. Ich fühlte mich sogar ein bisschen als Mit-Held.
Was hat sich seither verändert? Hat sich überhaupt etwas verändert?
Ich glaube schon.
Die Medien sind, nicht nur in Deutschland, zu einer Macht herangewachsen. Der Drachentöter droht selbst zum Drachen zu werden.
Ich werde seit dem nahezu geschlossenen Wahlkampf der Medien gegen die rot-grüne Regierung vor über einem Jahr und seit Beginn des nahezu geschlossenen Kampfs der Medien gegen die schwarz-rote Regierung den Eindruck nicht los, in den Redaktionsstuben sässen lauter Bundeskanzlerinnen und Bundeskanzler – statt lauter kritische, aber auch selbstkritische Journalisten.
Leide ich unter Sinnestrübung, gar unter helvetischer Anmassung, wenn ich die deutsche Politik einem Mahlstrom vernichtender Urteile durch ihre Medien ausgesetzt sehe?
Oh, ich selbst bin nicht zimperlich, wenn ich Politik und Politiker kritisiere! Meine wöchentliche Kolumne in der grössten Sonntagszeitung der Schweiz provoziert nahezu immer Widerspruch und Anfeindungen, auch durch Kolleginnen und Kollegen.
Hier spreche ich an, was mir in Deutschland fehlt: Widerspruch und Streit zwischen den Kollegen. Heftigen Widerspruch und heftigen Streit!
Es fehlen mir die journalistischen Krähen, die andern journalistischen Krähen ein Auge aushacken.
Es fehlt mir der Pluralismus der Meinungen, insbesondere unter den Grossmedien, insbesondere unter den Grossjournalisten, insbesondere unter den zahllosen Grosskanzlern in den Redaktionen.
Steckt böse Absicht, gar Ideologie hinter all den selbstgerechten journalistischen Richtersprüchen? Ich hoffe nicht. Ich vermute, dass wir, die wir gewohnt sind, die Anderen, vor allem die Politiker zu durchschauen, uns selbst nicht mehr durchschauen.
Was wäre denn bei uns Journalisten zu durchschauen? Zunächst das Anwachsen unserer Macht durch Omnipräsenz rund um die Uhr und rund um den Erdball. Die Medien haben Zeit und Raum vereinnahmt. Wir Journalisten haben Zeit und Raum vereinnahmt.
Die Medien sind vollständig globalisiert. Wir Journalisten sind vollständig globalisiert. Niemand ist so vollständig globalisiert wie wir - auch nicht die Wirtschaft, auch nicht die Manager.
Unserem Zugriff entgeht keiner.
Wir, die wir einst mit unserem Beruf für die Freiheit der Menschen standen, überziehen die Menschen jetzt mit unserem Netz. Von uns frei zu sein, ist unmöglich geworden.
Freilich, es ist die unschuldige Technik, die uns diese Allgegenwart beschert hat. Aber sind auch wir selber unschuldig?
Sind wir uns nicht wenigstens selbst ein bisschen unheimlich?
Die Politik in der Demokratie, über die wir berichten und richten, ist eine langsame Angelegenheit. Sie ist der Ort der langen Weile... wohlgemerkt lange Weile – in zwei Wörtern.
Die Politik in der Demokratie ist ein mühsames Gestalten mit unablässigem Streit und unablässiger Quälerei um Kompromisse, ein mühseliger Prozess von Versuch und Irrtum.
Wir Medien aber, wir Journalisten sind schnell, schneller geht es gar nicht: Rasch, rasch fällen wir unsere Verrisse und Verdikte; mit elektronischer Geschwindigkeit verbreiten wir sie.
Haben wir etwas geschrieben, haben wir etwas gesagt, ist unser Handwerk getan. Wir haben gehandelt.
Das Handeln in der Demokratie dagegen ist nahezu immer stockend. Darum hält die Demokratie mit unserer Geschwindigkeit nicht Schritt.
Muss sich die Demokratie den Medien anpassen? Schnell im Handeln -–ruck-zuck – sind nur autoritäre Systeme.
Die Demokratie macht uns ungeduldig, macht uns unwirsch. Wir lechzen nach Dramatik und Tempo, nicht nach Ausdifferenzierung und zäh erhandelten Kompromissen.
Unser Geschäft ist der Showdown. Das Leitmedium Fernsehen macht es uns vor: Wer gegen wen? Wer gewinnt? Wer wird Millionär? Und natürlich: Wer ist der grösste Kracher in der Talk-Runde?
Im „Spiegel“ stand über Franz Müntefering der Satz: „Er reitet der Abendsonne entgegen.“ Das ist die Politik als Western-Szene, wie wir sie mögen. So stellen wir Politik dar, und so lesen es dann die Bürgerinnen und Bürger.
Ich weiss, meine Ausführungen klingen wie eine Klagerede, wie Jammern über das eigene Metier. Aber bitte, reden und richten wir nicht täglich über andere? Sind wir nicht geübt im Zerlegen und Zerfetzen wie kein zweiter Berufsstand?
Warum nehmen wir uns nicht ausnahmsweise einmal selbst ins Gebet?
Ich habe schon von der grossen Stunde des deutschen Journalismus gesprochen: von der „Spiegel“-Affäre 1962, die ja auch die grosse Stunde der deutschen Demokratie war. Rudolf Augstein hat damals den Begriff geprägt, sein Magazin sei das „Sturmgeschütz der Demokratie“.
Was aber, wenn „der Spiegel“ heute nur noch ein Sturmgeschütz wäre? Aus purer Lust am Kanonendonner? Und wir Journalisten nur noch Kanoniere in eigener Sache?
Ich will das jetzt nicht einfach krude behaupten. Aber ich wage es dennoch, provokativ darüber nachzudenken. Und ich weiss, welcher Gefahr ich mich dabei aussetze, denn seit der „Spiegel“-Affäre gilt der deutsche Journalismus als geheiligt. Wer Kritik daran übt, begeht ein Sakrileg, wird sofort der undemokratischen Mentalität bezichtigt.
Was wir täglich, stündlich, online sogar minütlich dürfen, nämlich lamentieren und kritisieren, das dürfen die Anderen uns gegenüber noch lange nicht. Am wenigstens die Politiker. Also müssten wir es eigentlich selber tun.
Wir müssten uns fragen: Wie viel Loyalität darf die Demokratie von uns erwarten? Darf sie überhaupt Loyalität erwarten? Verdienen die Institutionen der Demokratie unseren Respekt? Die Regierung zum Beispiel? Oder das Parlament? Womöglich gar die Parteien?
Wären wir Journalisten mit den Politikern ganz allein auf der Welt, hätten wir keinerlei Rücksichten zu nehmen. Doch wir sind mit den Politikern nicht allein. Wir schreiben für Leser, wir sprechen zu Zuhörern und Zuschauern. Und unsere Leser und Zuhörer und Zuschauer sind Bürger.
Was stellen wir mit ihnen an? Dies nur mal ketzerisch vor mich hin gefragt...
Wenn auf einer Titelseite die ganze deutsche Politik als Lachnummer verhöhnt wird, dann höhnen Millionen über die Politik.
Wenn die Politiker in einem Fernsehbeitrag pauschal als Lügner diffamiert werden, dann verlieren Millionen ihren Glauben.
Wenn Minister und Parlamentarier in Millionenauflage als raffgierige Clique hingestellt werden, dann fühlen sich Millionen betrogen.
Selbstverständlich müssen wir Kritik üben. Das ist seit jeher unsere Aufgabe. Daran hat sich auch nichts verändert.
Doch unsere Kritik darf nicht die Demokratie selbst treffen. Das ist die heikle Seite unserer Aufgabe: Wie kritisieren wir Politik und Politiker, ohne Demokratieverdrossenheit zu provozieren?
In der «Welt am Sonntag» las ich am letzten Sonntag den Titel: «Ist die Demokratie als solche in Gefahr? Die Anzeichen mehren sich.»
Die «Financial Times Deutschland» lieferte mir am Montag die Zahlen zum Titel in der «Welt am Sonntag»: Mehr als die Hälfte der Deutschen zweifelt an der Demokratie. 38 Prozent sind weniger zufrieden, 13 Prozent sind gar nicht zufrieden. Das ergibt addiert eine Mehrheit, die der Demokratie politische Misserfolge anlastet.
Sind wir an diesem höchst bedenklichen Resultat unbeteiligt? Unschuldig?
Wir gehen über einen sehr schmalen Grat: zwischen Liebedienerei und Politik-Bashing. Mir scheint, dass seit einiger Zeit das Politik-Bashing massiv überwiegt.
Könnte es sein, dass wir uns in die Rolle der „Vierten Gewalt“ im Staat verliebt haben? Auch die Politiker bezeichnen uns ja schon so. Und die Bezeichnung schmeichelt unserer Eitelkeit: Wir sind nicht nur mächtig, wir werden auch noch als Machtträger anerkannt, sogar hofiert.
Ich halte die uns zugeschriebene Rolle der „Vierten Gewalt“ für fatal. Was nämlich heisst „Vierte Gewalt“? Die drei anderen Gewalten, auf die sich der Begriff bezieht, sind Staatsgewalten: Legislative, Exekutive und Judikative.
Sind wir - die Medien, die Journalisten – auch eine Staatgewalt?
Da muss doch jedem von uns mulmig werden. Staatsgewalt passt in keiner Weise zu uns: nicht der Begriff „Staat“, schon gar nicht der Begriff „Gewalt“.
Staatsgewalt in der Demokratie legitimiert sich durch Wahl und Pflichtenheft und institutionelle Kontrolle. Also auch durch Sanktion und Wegwahl.
Wollen wir wirklich eine Art Staatsgewalt sein?
Was hätten wir in dieser Welt der streng geregelten und beaufsichtigten Institutionen zu suchen? Nichts.
Wir gehören dort hin, wo unsere Gesellschaft noch frei ist von institutionellen Zwängen: in die „Zivilgesellschaft“, also mitten hinein ins anarchische, weil staatsfreie Alltagsgetümmel. Das gibt es. Sogar in Deutschland.
Unsere angeschwollene Macht aber birgt für den journalistischen Berufsstand noch andere Gefahren als nur die Verführung zur „Vierten Gewalt“. Wir sind neuerdings auch im Geschäft: Als journalistische Marken, als hoch dotierte Stars der Medienszene, als Geschäftemacher.
Ehedem waren Fernsehmoderatoren nur Fernsehmoderatoren, angestellte Journalisten mit einem ordentlichen Lohn, dem Kodex einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt unterworfen.
Das ist alles ganz anders geworden: Heute haben Talk-Moderatoren eigene Produktionsfirmen. Sie vermarkten sich selbst als Werbeträger. Sie verdienen damit Millionen; siehe Beckmann, Jauch oder Kerner.
In einer Welt, in der rastlos nach neuen, sensationellen Inhalten für die modernsten Kommunikationsträger gesucht wird, in einer Welt, in der Medienunternehmen per Rasterfahndung die neusten Stars aufspüren, in dieser Welt wittern auch die Journalisten ihr Geschäft.
Ja, Journalismus als Geschäft: Das ist neu. Aber ist es auch vertretbar? Passt es zu unserer Aufgabe? Ist es – jetzt werde ich ganz altmodisch – überhaupt vereinbar mit unserer Arbeit an der Demokratie und für die Demokratie?
Ich nenne diese Frage „altmodisch“, weil mir bewusst ist, wie wenig gegen die fortschreitende Kommerzialisierung der Medienberufe unternommen werden kann.
Ich mache mir Sorgen um die journalistische Unabhängigkeit: um die Unabhängigkeit vom Staat und seinen Institutionen, aber auch um die Unabhängigkeit von der Wirtschaft und ihren Mechanismen. Nicht zuletzt um die Unabhängigkeit von unserer eigenen Gier!
Denn diese unsere Unabhängigkeit ist Voraussetzung für das Funktionieren der doch sehr unübersichtlich gewordenen Demokratie. An uns wäre es, die Übersichtlichkeit wieder herzustellen. Bedingung dafür wäre dann allerdings auch, dass für die Bürger überhaupt erst ersichtlich würde, wer wir sind, wo wir herkommen, wo wir stehen. Glauben Sie im Ernst, dass die Menschen in dieser unübersichtlichen Zeit eine Ahnung davon haben, wie es in unserem Beruf zugeht? Weil sie die nicht haben, nicht haben können, sind sie misstrauisch geworden.
Ja, uns Journalisten schlägt Misstrauen entgegen!
Es herrscht die Meinung: Die Journalisten schreiben sowieso, was sie wollen. Der Satz passt zu einem anderen berühmten Klischee: Die Politiker machen sowieso, was sie wollen.
Misstrauen in die Berufsleute der Demokratie, und das sind nun mal Journalisten wie Politiker, schwächt die Demokratie. Dauerndes Misstrauen unterhöhlt sie. Grundsätzliches Misstrauen zerstört sie.
Demokratie, sehr verehrte Damen und Herren, ist nämlich nie gesichert. Sie ist höchstens ein bisschen sicherer, so lange sie gelebt wird, so lange sie von einer engagierten Elite von Bürgern leidenschaftlich vorgelebt wird.
Das wäre dann die wahre Elite einer demokratischen Gesellschaft: Bürgerinnen und Bürger aus allen sozialen Schichten, die sich dem demokratischen Geschehen mit heiligem Feuer, mit „feu sacré“ verschreiben.
Dazu aber zählen vorab die Journalisten. Sie machen Stimmung für die Demokratie – oder sie machen sie kaputt.
Weshalb, sehr verehrte Damen und Herren, werde ich hier so eindringlich, so leidenschaftlich, ja so streng?
Anmassend will ich nicht sein. Aber erlauben Sie mir, aus Schweizer Sicht doch etwas zur deutschen Demokratie zu sagen: Sie ist ja nicht, wie die schweizerische, Resultat einer bürgerlichen Revolution. 1848 scheiterte das deutsche Bürgertum in der Paulskirche. Im selben Jahr, am 12. September, eroberten die Schweizer Freisinnigen die Macht. Sie stellten dem restaurativen Europa einen modernen und für damalige Verhältnisse sensationell demokratischen Bundesstaat entgegen.
Die Schweiz war die demokratische Avantgarde; Deutschland dagegen blieb, über Generationen hinweg, die Arrièregarde: eine verspätete Nation mit einem gescheiterten Bürgertum, das zwar unter der wilhelminischen Monarchie die wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Vorherrschaft errang, jedoch auf die politische Macht verzichten musste.
Ja, das deutsche Bürgertum war ein schwer gedemütigtes Bürgertum. Und weil es unter dieser Demütigung litt, log es sich eine ästhetisierte Kultur zurecht, die für die Demokratie nur Verachtung übrig hatte.
Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“, geschrieben in der Zeit des Ersten Weltkriegs, ist das Manifest dieses gescheiterten deutschen Bürgertums: Eine Streitschrift gegen die welsche und deshalb verachtenswerte Zivilisation, womit alles Republikanische und Demokratische des französischen Erzfeindes gemeint war. Gleichzeitig überhöhte Thomas Mann die deutsche Kultur zur Gegenwelt der – in seinen Augen - wertearmen westlichen Gesellschaften von Paris über London bis Washington.
Mann selbst wandelte sich zwar zum entschlossenen und mutigen, weil öffentlichen Verteidiger der Weimarer Republik. Doch das dünkelhaft Unpolitische als Ausdruck der Demokratie-Verachtung blieb typisch für das deutsche Bürgertum.
Nur so ist zu erklären, dass es die Weimarer Demokratie nicht als seine Chance begriff. Nur so ist zu erklären, dass die bürgerlichen Parteien geschlossen für die Ermächtigungsgesetze und dadurch für Hitler stimmten.
Erlauben Sie mir eine kurze Anmerkung zu dieser dramatischsten Stunde in der unglücklichen Geschichte der deutschen Demokratie: Die Rede des Sozialdemokraten Otto Wels gegen die Ermächtigungsgesetze, also gegen Hitler – gehalten unter Gefahr für Leib und Leben – ist das bisher mutigste Bekenntnis zur bürgerlichen Demokratie in Deutschland.
Auch die heutige deutsche Demokratie, vielleicht die modernste Europas, ist nicht durch das deutsche Bürgertum errungen worden. Sie wurde ihm vielmehr verordnet.
Doch sie wurde bis heute gut gelebt, vielleicht sogar vorbildhaft gelebt. Von wem wurde sie so gelebt? Von einem Klein- und Mittelbürgertum, von Arbeitnehmern und Beamten, von Linken und von Rechten, die sich darauf geeinigt hatten: Deutschland muss anders werden als es je war – nämlich wahrhaft demokratisch.
Und die Leistung, die daraus folgte, ist ja auch gewaltig: Keine Nation, die schuldhaft aus dem Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg hervorging, hat sich so sehr mit der eigenen Schuld befasst wie Deutschland.
Freilich, Deutschland trug die Hauptschuld, doch hätte es sich auch wegducken können. Es hat es nicht getan. Seit Jahrzehnten gehören Fragen nach der Verantwortung für den grössten Schrecken, für die grössten Verbrechen der Weltgeschichte zum Deutschen Alltag: in den Medien, in der Politik, in der Kultur, in der Wissenschaft.
Wohl kein Volk hat sich so sehr in so kurzer Zeit selbst zur Demokratie erzogen wie das deutsche.
Die deutschen Medien haben grossen Anteil an dieser Entwicklung, die ganz Europa mit Bewunderung verfolgte. Und doch ist eine Feuerprobe noch nicht bestanden.
Bis vor kurzem war die deutsche Demokratie identisch mit dem deutschen Erfolg, dem ökonomischen wie dem individuellen. Das ist inzwischen anders: Deutschland muss ungewohnte Probleme meistern. Probleme der Globalisierung, wie sie ganz Europa treffen. Aber auch Probleme, die sich aus der Wiedervereinigung ergeben und nur Deutschland treffen.
Deutschland soll wettschwimmen - mit einem Mühlstein am Hals. Das ist das Bild, das sich von aussen bietet.
Es geht also jetzt darum, demokratische Politik bei schlechtem Wetter zu leben. Vor allem geht es darum, die Demokratie vor Verdrossenheit und Unlust in Schutz zu nehmen. Denn es ist ja nicht die Demokratie, die für die Probleme verantwortlich ist. Sie ist nur die Werkstatt, in der sie behoben werden sollen.
Das Bewusstsein dafür aber können nur die Medien schaffen, nur wir, die Journalisten.
Deutschland scheitert nicht.
Deutschland ist Export-Weltmeister, Deutschland steht nach einer Erhebung des Word Economic Forum sogar auf Platz acht der wettbewerbsfähigsten Nationen der Welt.
Die Flammenschrift an der Wand ist eine journalistische Erfindung. Eine originelle, eine sensationelle, eine wirksame - aber keine konstruktive. Ja, ich sage ganz bewusst: keine konstruktive!
Es ist seit einiger Zeit wieder viel vom Patriotismus die Rede in den deutschen Medien, und zwar nicht erst seit der Weltmeisterschaft. Man fordert wieder mehr Emotion fürs Land. Die Deutschen sollen ihr Land lieben: das Land, nicht nur seine Verfassung.
Weiss Gott, sehr verehrte Damen und Herren, die Schweiz ist schön! Am schönsten ist meine Heimat im Schweizerischen Seeland, am Fuss des Jura, dessen widerspenstig-libertären Menschenschlag ich ganz besonders mag.
Aber was wäre all die Schönheit der Schweiz, wenn die Demokratie nicht wäre?
Sie kennen alle das Unbehagen, das sich einstellt, wenn man in einem wunderschönen Land Ferien macht, dessen Bürger in Unfreiheit leben.
Ja, was wäre all die Schönheit Deutschlands, die ich mehr und mehr entdecke, wenn die deutsche Demokratie nicht wäre?
Sehr verehrte Damen und Herren, als Demokrat liebt man doch die Demokratie. Also ist man Verfassungspatriot.
Ich bin ein Schweizer Verfassungspatriot. Meiner journalistischen Arbeit merkt man das an.
Journalisten sollten auf jeden Fall Verfassungspatrioten sein.
Und ihre Leserinnen und Leser, ihre Zuschauerinnen und Zuschauer sollten es merken.






