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Prämierter Text

Frank Jansen
Der Tagesspiegel Berlin
Die Jury würdigt Frank Jansens Gesamtwerk.
Frank Jansen
Der Tagesspiegel Berlin
Die Jury würdigt Frank Jansens Gesamtwerk.
Beispielhaft für seine umfangreiche Berichterstattung präsentieren wir hier Auszüge aus einem seiner Artikel.
„Wenn keiner nach den Rechten sieht“
Auszug aus dem Beitrag im Tagesspiegel Berlin vom 5. Dezember 2005
Es geht um Nazis, Gewalt, den Osten und die Polizei. Am Ende klingt alles wie ein Krimi, bei dem der Autor übertrieben hat.
Von Frank Jansen, Zerbst
Eine Sommerkirmes, wie sie überall sein könnte. Karussells quietschen und rattern, johlende Jugendliche fahren Autoscooter, Live-Musik schallt aus dem Bierzelt. Ein paar Punks schlendern herum, am Autoscooter bleibt ein 16-Jähriger mit Irokesenschnitt etwas zurück.
Andreas Müller (Name geändert) trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Gegen Nazis“, das gefällt einem anderen Besucher nicht. Der Mann hat ein Bierglas in der Hand und raunzt: „Was soll’n das, gegen Nazis?“ Der Punk weicht zurück, der Mann schlägt zu. Mit dem Bierglas in Müllers Gesicht. Das Glas zersplittert, Müller blutet stark und taumelt, doch der Schläger prügelt weiter und zwingt den Punk, das T-Shirt auszuziehen. Dann lässt er von ihm ab. Holt sich das nächste Bier.
Es geschah nicht überall, sondern in Zerbst, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Und es geht um mehr als typisch rechtsextreme Randale Ost. Die Tat hat für das Opfer noch härtere Folgen als sonst in solchen Fällen üblich. Und der Part der Polizei ist bizarr. Es klingt, als habe ein überdrehter Autor einen prallen Ossi-Krimi geschrieben. Da müssen Nazis rein, überforderte Polizisten, eine herzlose Stadtverwaltung, ein junges Opfer mit allein erziehender Mutter, die von Arbeitslosengeld II lebt. Zerbst ist Klischee real. Andreas Müller und seine Mutter sagen: bloß weg hier.
Der Punk ist seit dem Angriff auf dem Zerbster „Heimatfest“ am Abend des 30. Juli halb blind. Bei dem Schlag mit dem Bierglas drang ein Splitter ins rechte Auge ein. Es war trotz dreier Operationen in der Universitätsklinik Magdeburg nicht zu retten. „Im Januar“, sagt Müller, „wird mir ‘ne Prothese eingesetzt“. Das Auge ist halb geschlossen, die rechte Gesichtshälfte voller Schnittnarben. Welchen Beruf er einmal wird ausüben können, ob er jemals ein Auto fahren wird – Müller weiß es nicht. Doch es gehe ihm „ganz gut“, sagt er tonlos am Küchentisch in der Wohnung der Mutter. Er hat für das, was sich seit dem 30. Juli abgespielt hat, offenbar nur noch Fatalismus übrig.
Noch am Abend des Tattages nimmt die Polizei den Schläger in Gewahrsam. Ein Freund des Opfers und ein Wachdienstmann haben Nico K. auf dem Heimatfest aufgespürt und festgehalten. Nico K., 28 Jahre alt und mehrfach vorbestraft, erzählt den Beamten, er habe sich nur verteidigt. Die Polizisten verzichten darauf, Müllers Freund zu befragen. Routinemäßig nehmen sie die Personalien von Nico K. auf und fahren ihn zum Krankenhaus, wo für einen Alkoholtest Blut entnommen wird. Dann bringen die Beamten Nico K. zum Bahnhof, wo er in den letzten Zug zu seinem Wohnort einsteigt, dem nahen Roßlau. Die Beamten fahren nicht mit. So kann K. nochmal zuschlagen. Im Zug sieht er einen Augenzeugen des Angriffs auf Müller. Nico K. versetzt dem jungen Zeugen einen Fausthieb an den Kopf. Und steigt unbehelligt in Roßlau aus.
Andreas Müller liegt da schon in der Universitätsklinik. Sechs Tage später kommt ein Beamter der Polizeidirektion Magdeburg ins Krankenhaus, um den Punk zu befragen. Amtshilfe für das Revier in Zerbst. Müller sagt aus. Das Protokoll der Vernehmung kann der Polizist allerdings von seinem Laptop im Klinikum nicht ausdrucken. Eine knappe Woche passiert nichts, dann erscheint der Beamte am 11. August wieder im Krankenhaus und geht, ohne einen Arzt oder eine Schwester zu informieren, zu Müller ins Zimmer. Der Punk hat bereits ein Beruhigungsmittel genommen, da eine weitere Operation bevorsteht. Doch der Polizist lässt sich das Protokoll unterschreiben – ohne dass der benommene Jugendliche es gelesen hat. Auch die Mutter, die ihren Sohn täglich besucht, ist nicht mehr da. Als der Stationsarzt von dem Verhalten des Beamten erfährt, fehlt ihm jedes Verständnis: „Das war nicht korrekt.“
[...]
„Wir gehen wieder zurück nach Leipzig“, sagt Müllers Mutter. Auch wenn sie nicht weiß, wie sie den Umzug finanzieren soll. Doch in Zerbst „fühlen wir uns im Stich gelassen“. Die Stadtverwaltung zeige kein Mitgefühl, auf der Straße blickten die Leute ihrem Sohn hinterher, „was ist das denn für einer?“ Und es quält die Angst: „Was passiert als Nächstes?“
Eine Ahnung davon, was noch geschehen könnte, bekam man Anfang November am Bahnhof. Die Eingangstür war mit Hakenkreuzen, SS-Runen und Nazi-Parolen beschmiert. Schon seit Tagen, sagte die Betreiberin des Bistros im Bahnhof. Zuständig sei die Bahn, „ich denke, die weiß auch Bescheid“. Die Polizei hatte allerdings keiner informiert, dem Revier waren die Schmierereien nicht bekannt.






