Otto Brenner Preis

Festrede

Rede zur Verleihung der Otto Brenner Preise für kritischen Journalismus

22. Oktober 2008

von Fritz Pleitgen

„Existenzpflicht"

EBU-Präsident Fritz Pleitgen zur Notwendigkeit von Auslandsberichterstattung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

„In einer Zeit des Universalbetruges ist die Wahrheit zu sagen eine revolutionäre Tat.“ Diese Worte stammen von George Orwell. In diesem Sinne kann der Otto Brenner Preis für revolutionär gehalten werden, auch wenn er nun  bereits zum vierten Mal verliehen wird. Schon das Motto spricht dafür. Es lautet „Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“. Vergeben wird der Preis für kritischen Journalismus. Ich sehe in der Auszeichnung eine Ermutigung und zugleich eine Mahnung an unseren Berufsstand, sich in einer Welt der gekonnten Desinformation nicht abhängen zu lassen.

„Viele Wahrheiten“

Wir sind uns sicher einig: Was Orwell revolutionär nennt, müsste für Journalisten Selbstverständlichkeit sein. Dem Anspruch ist allerdings nicht so leicht gerecht zu werden, wie er sich formulieren lässt. Abgesehen davon, dass es meist Mühe bereitet, manchmal sogar unendlich viel Mühe, um an die Wahrheit heranzukommen, muss diese Wahrheit nicht die volle Wahrheit sein. Zur Wahrheit eines Vorgangs gehören oft viele Wahrheiten.
Der Dokumentations- und Ereigniskanal ‚Phoenix’ hat sich die schöne Aufgabe gestellt, das ganze Bild zu liefern. Aber wann ist das Bild perfekt? Was ist die ganze Wahrheit? Ist sie nicht wie ein Kosmos? Je weiter man vordringt, desto mehr Wahrheit gibt es zu entdecken. Nun möchte ich mit diesen Erkenntnissen nicht abschrecken, sondern nur dezent darauf hinweisen, dass revolutionäre Selbstverständlichkeit Zeit und auch Geld braucht. Und beides wird – Rundfunkanstalten und Verlegern sei es geklagt – Journalisten heutzutage selten ausreichend gegeben. Von diesem Tatbestand sind nicht zuletzt diejenigen betroffen, um die es hier und heute geht: die Auslandskorrespondenten und Auslandsreporter.

An dieser Stelle muss ich der politischen Korrektheit halber erklären, dass ich ‚Auslandskorrespondenten’ und ‚Auslandsreporter’ als Sammelbegriff benutze, der die vielen Kolleginnen selbstverständlich mit einbezieht. In dieser Hinsicht hat sich eine außerordentlich positive Veränderung vollzogen. Im Vergleich zum Beginn meiner Auslandskorrespondentenzeit sind mehr und mehr Journalistinnen in die früher männliche Domäne vorgestoßen, was auch zum Wandel gehört und der wichtigen Sache Auslandsjournalismus überaus gut bekommt. Damit bin ich fast endgültig beim Thema.

Eine Vorbemerkung muss ich noch machen. Wenn ich hier rede, dann tue ich das vorwiegend aus dem Blickwinkel des Rundfunkmannes. Dies hat nichts mit mangelndem Respekt vor der gedruckten Presse zu tun. Aber auf deren Feld fühle ich mich für ein Urteil nicht kompetent genug, auch wenn ich zu Hause oder in Flughäfen mit Gewinn lese, was die "Süddeutsche", die FAZ, die "Welt", das "Handelsblatt", die "taz", der "Spiegel" und die "Zeit" aus dem Ausland mit eigenen Leuten berichten. Die Korrespondentenberichte der dpa zähle ich auch dazu. Wie gesagt, ich lese die Artikel mit Gewinn, manchmal auch mit Verwunderung, wenn es mir zu bunt wird.

„Informieren und aufklären“

Zum ‚Wandel in der Auslandsberichterstattung’ soll ich hier Stellung beziehen. Die Antwort ist leicht zu geben. Hier hat sich eigentlich alles gewandelt. Das Publikum ist ein anderes geworden, die technischen Möglichkeiten sind revolutionär verbessert worden, der Typus des Berichterstatters hat sich ebenso gewandelt wie die Art der Berichterstattung, in der Hierarchie ist die Auslandskorrespondenz auf Platz 3 hinter der Berichterstattung über Nationales und Regionales zurückgefallen. Schließlich:  die Verhältnisse in der Welt sind auch nicht mehr so wie früher. Geblieben ist der Auftrag: zu informieren und aufzuklären. Unterhaltend darf die Auslandsberichterstattung auch sein. Nein, unterhaltend soll sie sein, wird zu Hause erwartet, um das Publikum bei Laune zu halten. Auch das hat sich geändert gegenüber früher.

Wie steht es nun um die Auslandsberichterstattung heute? In den letzten Wochen und Monaten habe ich viel Aufhellendes und auch viel Kritisches darüber gelesen. Was Oliver Hahn, Julia Lönnendonker und Roland Schröder in ihrem Handbuch "Deutsche Auslandskorrespondenten" und Lutz Mükke in seinem Dossier "Entgrenzung" über den Zustand der deutschen Auslandsberichterstattung zusammengetragen haben, wird hoffentlich von den Verantwortlichen in den Rundfunkanstalten und Verlagen analysiert und zu verstärktem Engagement Anlass geben, obwohl ich in dieser Hinsicht keine übertriebene Hoffnung hege. Aber da es um ein hohes Gut geht, sollte nicht locker gelassen werden.
Vieles, was ich gelesen habe, kam mir bekannt vor, was nichts an den manchmal bedenklichen Verhältnissen ändert. Von Überforderung der Auslandskorrespondenten war und ist die Rede, von Vernachlässigung weiter Weltteile und wichtiger Themen, von wachsender Boulevardisierung, von Ahnungslosigkeit der Heimatredaktionen, von mangelndem Ethos bei Übernahme von Informationen, von unzureichender Ausbildung. Das meiste deckt sich mit meiner Erfahrung und mit meiner Beobachtung. Aber ich nehme auch das Gegenteil wahr.

„Propagandamaschinen“

So habe ich voller Respekt verfolgt, was die Kolleginnen und Kollegen während des Krieges zwischen Georgien und Russland geleistet haben. Obwohl die Krieg führenden Parteien ihre Propagandamaschinen volle Kraft laufen ließen, haben es die Reporterinnen und Reporter vor Ort geschafft, ein einigermaßen zutreffendes Bild zu vermitteln. Zu beklagen ist allerdings, dass wieder einmal Journalisten die Suche nach der Wahrheit mit ihrem Leben bezahlen mussten. Fünf wurden im Georgien-Krieg getötet, 69 sind es allein in diesem Jahr weltweit. Die Entwicklung ist alarmierend. Die Getöteten sind nicht nur Opfer eines bösen Zufalls.  Mehr und mehr Journalistinnen und Journalisten werden durch Mord gezielt ausgeschaltet. Nur Klage darüber zu führen, reicht nicht. Dagegen muss national und international konzertiert vorgegangen werden. Dies muss gemeinsam geschehen. Presse und Politik müssen sich dazu aufraffen. Dies ist mein dringender Appell an uns alle, insbesondere an die Journalistenorganisationen, an die Verlage und an die Rundfunkanstalten.
Zwei Wochen ist intensiv über den Krieg im Kaukasus berichtet worden. Die Menschen in aller Welt haben erfahren können, was es mit dem Konflikt Georgien/Russland, mit Südossetien und Abchasien auf sich hat. Nun ist es in der Weltöffentlichkeit wieder still geworden um die umstrittene Region. Doch Frieden ist längst nicht eingekehrt. Beide Seiten beharren auf ihren Positionen, die zum Krieg geführt haben. Die Aufgabe der Aufklärung ist noch zu erledigen. Presse und Rundfunk sind gefordert, die Hintergründe und Auslöser dieser gewalttätigen Auseinandersetzung herauszuarbeiten. Die Menschheit muss wissen, was da abgelaufen ist, nicht zuletzt um der Politik auf die Sprünge zu helfen, solche Entgleisungen künftig zu verhindern.

Die Aufklärungsarbeit ist außerordentlich schwierig. Dazu bedarf es gut ausgebildeter Rechercheure und guter Kondition. Wie ich mitbekommen habe, haben Zeitungen schon einiges Material zusammengetragen und auch veröffentlicht. Der Westdeutsche Rundfunk arbeitet ebenfalls an einer Dokumentation. Ich hoffe, dass das Ergebnis, das sicher eine Menge Mühe und einiges Geld kostet, im Hauptabendprogramm ausgestrahlt wird, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Dies ist, wie ich meine, kein unbilliges Verlangen. Das Publikum ist zur Hauptsendezeit mit den Kriegsberichten beunruhigt worden. Nun soll es auch die geprüfte Aufklärung des Tathergangs zur Primetime erfahren.

„Starke Dokumentationen“

Wie ich überhaupt die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ermutigen möchte, mit starken Dokumentationen intensiver zur besten Sendezeit aufzutreten. Konkurrenz ist da von kommerziellen Anbietern nicht zu befürchten. Spannenden und wichtigen Stoff gibt es reichlich in der Welt. Das zu vermitteln, entspricht dem Sendeauftrag. Es verleiht Ansehen und ist wegen der zahlreichen Wiederholungen sagenhaft kostengünstig. Eine solche Programmpolitik wäre für die Zukunftssicherung ein kluger Schachzug. Mit Information generell, Auslandsberichterstattung im Besonderen und Kultur sind Skeptiker in Brüssel und auch im eigenen Land von der Notwendigkeit des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks am ehesten zu überzeugen. Als aktiver Intendant bin ich mit meinen Vorstellungen nicht so weit gekommen, wie ich es mir gewünscht hatte. Vielleicht erziele ich von der Tribüne mehr Wirkung.

Ich möchte auf eine Entwicklung zu sprechen kommen, die ich für außerordentlich besorgniserregend halte. Was wir im Georgien/Russland-Krieg erlebt haben, ist längst gängige Praxis. Regierungen setzen Agenturen ein, die ‚ihre Wahrheit’ unter die Leute bringen. So wurde der erste Irak-Krieg in Gang gebracht, so geschah es beim zweiten Irak-Krieg und so wird es weiter praktiziert werden. Um die Menschheit vor der Selbstverständlichkeit des Betruges,  der ausgeklügelten, schwer zu entdeckenden Desinformation zu schützen, sie dadurch vor falschen politischen Entscheidungen zu bewahren, sind Presse und Rundfunk mehr denn je gefordert. Die eigene Recherche spielt dabei eine Schlüsselrolle. Um sie durchführen zu können, müssen Journalisten angemessen ausgestattet sein – mit Ausbildung, Talent und Zeit, was alles zusammen natürlich Geld kostet. Es lohnt sich. Man stelle sich vor, welches Bild die von Georgien und Russland bezahlten Agenturen der Welt geliefert hätten, wenn es nicht die Journalisten vor Ort gegeben hätte, deren Berichte die bestellten Wahrheiten als Lügen entlarvten.

Aber fühlen sich Verlage und Rundfunkanstalten, was die Auslandsberichterstattung angeht,  zu größerem finanziellem Engagement veranlasst? Die Verhältnisse sprechen nicht dafür. Die deutsche Bevölkerung scheint heute weit weniger Interesse am Geschehen im Ausland zu haben als in früheren Jahrzehnten. Insofern ziehen wir mit anderen Ländern wie Frankreich, Italien oder den USA gleich. Auch dort interessiert das Ausland relativ wenig. Eingesetzt hat bei uns die Entwicklung nach der Wiedervereinigung. Seitdem kümmern die Deutschen die eigenen Probleme offensichtlich deutlich mehr als die Entwicklungen in anderen Ländern.

„Abflauendes Interesse“

Diese Beobachtung ist im Fernsehen messbar. Im „Presseclub“ sackten die Quoten bei Auslandsthemen deutlich ab. Als sich das nicht änderte, kamen im Laufe der Jahre - um nicht am Publikum vorbei zu senden, wie es so schön heißt - immer weniger internationale Angelegenheiten zur Sprache. Inland dominiert inzwischen deutlich über Ausland. Eine Diskussion über die Zukunft der Rente zieht auch im Wiederholungsfall mehr Publikum als ein Krieg nebenan. Ähnlich erging es dem „Weltspiegel“. Die glorreichen Zeiten hoher Zuschauerakzeptanzen sind passé. Aber ein  Publikum von zweieinhalb Millionen ist für eine Sendung wie den „Weltspiegel“ immer noch eine beachtliche Größe. Verdienstvollerweise hält die ARD an dem guten Sendeplatz  vor der „Tagesschau“ fest.

Woran liegt das abflauende Interesse? Es gibt viele Gründe. Seit der Wiedervereinigung ist Deutschland nicht mehr so vom Ausland, insbesondere von den Großmächten, abhängig wie zur Zeit der Teilung. Außerdem ist das Flair der großen weiten Welt verloren gegangen. Vorbei ist die Zeit, da uns Peter von Zahn Amerika mit Hilfe eines Briefkastens erklären konnte. Das Publikum ist inzwischen kundiger geworden. Es gibt keine Ecke auf dem Globus, die nicht von deutschen Touristen aufgesucht wird. Sie sehen die attraktiven Seiten. Das reicht ihnen meist. Die problematischen Seiten des jeweiligen Landes über Presse oder Rundfunk kennenzulernen, weckt weniger Interesse. Dabei ist die Außenwelt für uns nicht unwichtiger geworden. Im Gegenteil, im Global Village von heute mit all seinen gegenseitigen Abhängigkeiten ist es vonnöten, auch über den Nachbarn in Lateinamerika oder Fernost Bescheid zu wissen.

Die Auslandsberichterstattung hat darauf reagiert. Sie stellt mehr und mehr einen Deutschlandbezug her. In unseren hoch geschätzten Nachrichtensendungen stelle ich häufig fest, wie Berichte über Begegnungen oder sonstige Ereignisse im Ausland mit Erklärungen deutscher Persönlichkeiten aufgeladen werden. Mir leuchtet das nicht ein. Es bringt das Publikum nicht weiter, das Wesentliche in der Welt durch die deutsche Brille zu betrachten und einzuordnen. Diese Art der Nachrichtenvermittlung haben wir aus Amerika genommen. Die zuständigen Redaktionen sollten das Verfahren überprüfen. Wie unterschiedlich die Perspektiven sind, ist bei großen Konferenzen festzustellen. Wer sich die Mühe macht und im Rundfunk wie in der gedruckten Presse die Berichterstattung in den beteiligten Ländern verfolgt, kann leicht den Eindruck gewinnen, über höchst unterschiedliche Konferenzen informiert zu werden.

„Drastischer Wandel“

Einen drastischen Wandel in der Auslandsberichterstattung hat die rasante technologische Entwicklung herbeigeführt. Wenn ich früher zu einer Drehreise nach Sibirien oder in den Kaukasus aufbrach, dann  war ich für Tage verschwunden. Eine Telefonverbindung nach Deutschland ließ sich nicht herstellen, das Filmmaterial brauchte wenigstens zwei, drei Tage, um sein Ziel in Hamburg zu erreichen. Für die „Tagesschau“ war es dann immer noch aktuell, weil es keine Konkurrenz durch andere Sender oder Agenturen gab. Das hat sich drastisch geändert. Aus den entlegensten Winkeln  der Welt kann über Satellit sofort berichtet werden. Davon wird intensiv Gebrauch gemacht. Der teure Transport von Ausrüstung und Team muss sich ja auszahlen. Und die Konkurrenz duldet keine Verschnaufpause. Ob mit jedem Live-Auftritt des Reporters vor Ort Neues und Relevantes hinzukommt, ist oft nicht zu erkennen. Nicht selten kann man den Eindruck gewinnen, dass die Zeit besser für Recherche genutzt worden wäre.

Mit anderen Worten: Der technische Vorteil gegenüber früheren Zeiten kann sich leicht in inhaltlichen Nachteil verkehren. Die Reporter haben für eigene Recherchen häufig keine Zeit, weil sie ständig auf Sendung sind. Aber hilft in solchen Fällen nicht auch die Technik? Über Internet lassen sich in Bruchteilen von Sekunden Informationen heranholen, für die früher Stunden und Tage benötigt wurden. Auch die Heimatredaktionen helfen nach. Aber tief eindringen in einen aktuellen Vorgang lässt sich mit dieser Methode nicht. Ein Segen ist die Technik schon, insbesondere für die weniger Kundigen und die Kleinen im Wettbewerb, denn vor dem Computer sind alle gleich.  Wichtig ist dabei allerdings, dass die Quellen die richtigen Nachrichten liefern.

Der PC-Journalismus ist eine verlockende Sache. Man kann mit wenig Aufwand viel liefern. Eigenes und Neues allerdings nicht! Wer unter Zeitdruck steht, wird sich deswegen von Skrupeln nicht unterkriegen lassen. Als Quellen stehen ja honorige Zeitungen und Agenturen zur Verfügung, ebenso lassen sich heimische Publikationen heranziehen, was den Berichten die notwendige Vor-Ort-Färbung verleiht. Es wäre redlich und dann auch zu vertreten, wenn dem Leser, Hörer oder Zuschauer mit dem Bericht auch die Quellenlage offenbart würde. Daran ist nach meiner Beobachtung noch entschieden zu arbeiten.

„In Stoßzeiten Stück auf Stück"

Bedenklich wird es, wenn Korrespondenten in Stoßzeiten Stück auf Stück liefern müssen und dadurch gar nicht in die Nähe des Orts des Geschehens kommen, sondern aus dem Äther alle möglichen Materialien abgreifen, sie zu einem Bericht eigener Art zusammenbasteln und beim Publikum den Eindruck des Augenzeugen vermitteln. Wenn  ein Korrespondent ein riesiges Berichtsgebiet mit einer Vielzahl von Ländern zu betreuen hat, wie zum Beispiel in Afrika, dann wird ihm nicht viel anderes als Fremdmaterialnutzung übrig bleiben, wenn er von seinen Heimatredaktionen zur Sofort- und Dauerberichterstattung veranlasst wird. Aber dann muss immer klar sein, von wo der Bericht kommt und wie er entstanden ist. Zur Dauermethode sollte das Verfahren nicht werden. Vor allem darf der oft zu beobachtende unzutreffende Umgang mit Ortsmarken  nicht akzeptiert werden. Wer unter der Ortsmarke berichtet, muss auch dort sein.

„Sollte man erst mit der Berichterstattung beginnen, wenn man sich gründlich informiert hat?“, werde ich gelegentlich gefragt. Am besten ja! Aber im Katastrophen-, Krisen- oder Kriegsfall ist der Wunsch des Publikums nach Information oft so groß, dass nicht lange gewartet werden kann.  Aber wer gerade angekommen ist, sollte nicht mit der Attitüde der Allwissenheit auftreten. Es ist besser, eine Frage nicht zu beantworten als fahrlässig eine falsche Fährte zu legen.

Viel kommt auf die Heimatredaktionen an. Sie sollten ihre Korrespondenten nicht überfordern, sie sollten ihnen Zeit geben, wirklich eigene Berichte zu liefern. Vor allem sollten sie ihren Leuten draußen vertrauen und sie die Themen möglichst selbst setzen lassen.  Unter Korrespondenten wird gerne die Geschichte erzählt, dass ein Ereignis für die Kollegen zu Hause erst an Bedeutung gewinnt, wenn eine Agentur darüber berichtet. Also überlässt man seine Story erst einer Agentur, die für die entsprechende Verbreitung sorgt. Erst dann, so das Kalkül, reagiert die Heimatredaktion mit Interesse. So wird man schließlich seinen ursprünglich exklusiven Beitrag im eigenen Programm los.

„Massive Einflussnahmen der Heimatredaktionen"

Ich will nicht bestreiten, dass es solche bizarren Fälle gibt. Ich habe sie in meiner aktiven Zeit ebenfalls erlebt, aber meist hat man es mit kundigen Kolleginnen und Kollegen zu tun. Aber es hat auch harte Auseinandersetzungen gegeben, weil die Heimatredaktion partout etwas haben wollte, was angeblich aus deutscher Sicht besser beim Publikum ankam. In den erwähnten Publikationen zur Auslandsberichterstattung ist von massiven Einflussnahmen der Heimatredaktionen die Rede. Kein guter Zustand! In solchen Fällen sind die Verantwortlichen gefordert. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Der Auslandskorrespondent darf im Konfliktfall nicht allein gelassen werden.

Generell sollte gelten: Wer Korrespondentenbüros im Ausland unterhält, sollte seine Leute nicht am Schreibtisch festnageln. Sonst unterscheiden sich deren Berichte nicht von denen, die von Journalisten produziert werden, die erst gar nicht die heimatlichen Gefilde verlassen.  Gewiefte Kollegen verstehen es, tief in ihren Computern zu schürfen und aus dem weltweiten Angebot von Zeitungen, Zeitschriften und Agenturen Beiträge über Ereignisse und Entwicklungen zu verfassen, die Tausende Kilometer entfernt geschehen. Diese Autoren, die leider ihre Ferndiagnosen nicht als solche zu erkennen geben, sind meist leichte Opfer für PR-Agenturen. Deren faule Informationen setzen sich häufig wie resistente Viren im weltweiten Netz fest, wo sie von sorglosen Journalisten abgeholt und weiterverbreitet werden. Dagegen hilft nur eigene Recherche.

Der Auslandskorrespondent muss auf der Hut sein. Während unsere Seite abbaut, wird die Gegenseite, werden die PR-Truppen immer stärker. Sie sind allgegenwärtig: in der Politik und in der Wirtschaft, in nationalen und  internationalen Behörden. Die Agenten haben ein favorisiertes Ziel. Das ist der Zugang zu den Medien. Die Methoden sind subtil. Ohne dass es die Auslandskorrespondenten merken, werden ihnen Informationen untergeschoben, die zum Vorteil des Auftraggebers in die Welt gesetzt werden. Es werden Gerüchte und Ängste geschürt, um politische Reaktionen auszulösen. Hoch angesehene Regierungen arbeiten mit diesen Methoden, ebenso Militärs, Wirtschaftsunternehmen und auch der Sport. Vermutlich sind sie erfolgreicher, als wir es vermuten. Sie sind in der Lage, wie wir erlebt haben, ganze Kriege anzuzetteln.

Wenn ich die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen im Ausland verfolge, dann tue ich das meist mit großem Respekt. Im Fernsehen fallen sie natürlich mehr auf als in den anderen Medien, wenn ich an Thomas Roth oder vorher Klaus Kleber und Tom Buhrow denke. Aber auch Jüngere erledigen ihre Aufgabe gut. In schwierigen Situationen berichten sie schnell, sachkundig und verantwortungsvoll. Da sich in den audiovisuellen Medien die Programme und Sendungen vervielfacht haben, bekommt ihre Arbeit allerdings nicht selten industrielles Format. Lutz Mükke spricht von Dienstleistungsjournalismus.

Für Rundfunkanstalten mag das wirtschaftlich sein, für die Herausbildung von unverwechselbaren Typen ist die hohe Arbeitsdichte hingegen nicht hilfreich. Vielleicht ist das der Grund, dass zumindest das ältere Publikum Charaktere wie Gerd Ruge, Peter Scholl-Latour, Stefan Georg Troller oder Werner Baecker vermisst. Sie waren in ihren Glanzzeiten Autoritäten. Gewiss, das Publikum ist nicht mehr so leicht zu beeindrucken wie damals. Aber die Berichte der genannten Altmeister können sich heute noch sehen lassen. Sie sind geprägt von eigenen Handschriften. Man merkt den Berichten an: Nichts war inhaltlich von anderen übernommen, alles war selbst erarbeitet. Bei freien Autoren findet man so etwas heute noch, aber sie kommen aus Kostengründen nicht so häufig zum Zuge, dass sie vom Publikum dauerhaft wahrgenommen werden.

„Anekdotischer“

Was ist mit der Qualität? Die Seite 3 der „Süddeutschen Zeitung“ hat für viele den Standard für die größere Reportage gesetzt. Der Stil hat auch im Fernsehen Einzug gehalten, was beim Publikum gut ankommt. Die Features  sind im Vergleich zu früher anekdotenhafter, erzählerischer geworden. Filmisch ist das zweifellos eine erfreuliche Weiterentwicklung. Inhaltlich, so scheint mir, besteht allerdings die Gefahr, dass wichtige Grundsatzinformationen auf der Strecke bleiben, weil sich dafür nicht die geeigneten Bilder finden.

Als Präsident der Europäischen Rundfunkunion habe ich einen ganz guten Überblick über die Auslandsberichterstattung. Auf diesem Feld haben ARD und ZDF zum großen Vorbild BBC und somit zur Spitze aufgeschlossen, zumindest was die Zahl der Korrespondenten und Studios angeht. Allein die ARD unterhält 27 Fernsehstudios und 29 Hörfunkstudios, was angesichts des Gebührenprivilegs nicht mehr als recht und billig ist. Wenn ich die Sendungen im internationalen Vergleich sehe, habe ich allerdings den Eindruck, dass die BBC immer noch die Nase vorne hat. In der Gesamtbetrachtung wirkt ihre Auslandsberichterstattung souverän und kompakt. Der Charakter des Commonwealth schlägt hier noch durch. Ein Programm wie BBC World zu besitzen ist ein Vorteil, den der Sender entschlossen nutzt.

„Ein alter Korrespondententraum"

Ein reines Auslandsprogramm ist ein alter Korrespondententraum. Sendungen hätten ARD und ZDF genug dafür zu bieten. Aber wir haben neben den beiden Hauptprogrammen und den einschlägigen Digital-Kanälen auch noch Phoenix,  3sat,  Dritte Programme und gelegentlich auch noch ARTE; also an Abspielmöglichkeiten, wie es im Jargon heißt,  fehlt es den Auslandskorrespondenten von ARD und ZDF nicht. Dennoch wird von ihnen immer wieder bewegte Klage geführt, dass sie zu wenig zum Zuge kommen. Das kommt mir aus meiner aktiven Zeit vertraut vor. In einem gebe ich den Kolleginnen und Kollegen recht: Auch ich würde in der Primetime meiner ARD  gerne mehr kraftvolle Reportagen und hintergründige Dokumentationen aus dem Ausland sehen. Ich wiederhole mich da gerne.

Bedenklich finde ich, dass das alte Ungleichgewicht in der Berichterstattung nicht wegzukriegen ist. Das gilt für Presse und Rundfunk. Es wird kein zutreffendes, geschweige denn gerechtes Bild vom Geschehen in der Welt liefert. Wie auch? Die Korrespondenten knubbeln sich in Europa und den USA. Afrika, weite Teile Asiens und Lateinamerika werden sträflich vernachlässigt. Was Afghanistan angeht, habe ich den Eindruck, dass ich über unsere Medien nicht erfahre, was in dem Land tatsächlich vor sich geht, außer Militäraktionen gegen Taliban und terroristische Anschläge auf ausländische Truppen. Ich vermute, das wird nicht die ganze Wahrheit sein. Die Korrespondenten, die dort ein- und ausfliegen, leisten sicher gute Arbeit, aber sie müssten an einem so wichtigen Platz länger bleiben. Keine Hilfe sehe ich in den Journalisten, die hochrangige Politiker nach Afghanistan begleiten. Von solchen Touren erwarte ich überhaupt keinen Erkenntnisgewinn, höchstens Vernebelungsgefahr. Um diese Propagandatrips sollten sich Journalisten möglichst nicht reißen. Sie können höchstens zu Kontaktaufnahmen genutzt werden. Aber muss man dafür so weit reisen?

Was ist eigentlich mit dem Irak? Darüber wissen wir im Grunde gar nichts. Wir hören von dem Land, das uns so in Atem gehalten hat, nur noch, wenn mal wieder ein Anschlag passiert. Die Meldung darüber trägt zur Aufhellung der Verhältnisse wenig bei. Normalisiert sich die Lage oder braut sich neues Unheil zusammen? Mir ist das nicht klar. Eigentlich müsste auch der Kaukasus von sach- und sprachkundigen  Journalisten auf absehbare Zeit fest besetzt werden. Mit gelegentlichen Besuchen ist den komplizierten Verhältnissen in der Region nicht beizukommen.

Gestatten Sie, dass ich noch einmal den alten Rundfunkmann herauskehre. Vor genau 50 Jahren gab der legendäre amerikanische Journalist Ed Murrow eine ebenso legendäre Erklärung ab. Der Elite der amerikanischen Fernsehveranstalter schrieb er ins Stammbuch, was zunehmend an Aktualität gewinnt. „Television can teach, it can illuminate, it can inspire. But it can do so only to the extent that humans are determined to use it to those ends. Otherwise it is merely wires and lights in a box.“

„Mehr als Kabel und Lichter“

Murrow sah das große Potenzial des Fernsehens als treibende Kraft der Aufklärung, aber er  sah auch die Gefahr, dass Fernsehen im Kampf um die Marktanteile den Journalismus ruinieren kann, wenn es zu sehr auf Triviales und Sensationalismus setzt. Noch ist es nicht so weit, aber ernsthafter Journalismus hat es zunehmend schwerer. Wir sollten uns auch in Deutschland Murrows Feststellung zur Mahnung dienen lassen: “Fernsehen kann lehren, es kann erleuchten, es kann inspirieren. Aber es wird dies nur schaffen, wenn  wir es zu diesen Zwecken nutzen. Sonst ist Fernsehen nicht mehr als Kabel und Lichter in einem Kasten.“ Wir sollten täglich beweisen, dass wir mehr als Kabel und Lichter im und auf dem Kasten haben.
Bei allem Engagement in der Auslandsberichterstattung werde ich den Verdacht nicht los, dass es uns nicht gelingt, mehr Kenntnis und mehr Aufklärung über andere Länder in unserer Bevölkerung herzustellen. Dass Stereotypen und Vorurteile abgebaut wurden, lässt sich kaum behaupten. Im Gegenteil! Um nur ein Beispiel zu nennen: was den Islam angeht, haben sich die Vorurteile unter den  Deutschen noch verstärkt, zumindest unter den autochtonen. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.

Korrespondenten beschweren sich darüber, dass ihnen mehr und mehr Boulevard abverlangt wird. Hintergründige Analysen seien hingegen nicht gefragt. Oberflächlichkeit könne nur geliefert werden,  Langzeitrecherchen und Langzeitreisen seien nicht mehr drin. Das klingt alarmierend. Auf alle Fälle sollte die Themensetzung überdacht werden. Insofern kann ich nur wiederholen, was ich eingangs gesagt habe: Es sind wertvolle Untersuchungen zum Stand des Auslandsjournalismus durchgeführt worden. Die Arbeiten sollten nicht in den Regalen der Auslandsredaktionen verstauben, sondern Grundsatzdiskussionen auslösen. Sicher wird man entdecken, dass die Welt zu groß und kompliziert ist, um sie nur einigermaßen zutreffend wieder zuspiegeln. Aber es gibt Defizite, die ausgeräumt werden können. Zeitgemäße und gerechte Verteilung der Berichterstattung, Überprüfung der Themenauswahl, mehr Langzeitprojekte. Wenn dies zu Lasten des Bunten geht, könnte ich das verkraften.

Es wird beklagt, dass zu viel auf Brennpunkte gesetzt würde. Ich sehe das nicht so. Wie wir immer wieder erleben, ist das Interesse der Bevölkerung bei außergewöhnlichen und aufwühlenden Ereignissen an zusätzlichen Informationen sehr groß. Es gelingt zwar selten, dem Begehren mit einem zufriedenstellenden Angebot zu entsprechen, dennoch helfen auch kleinere Einordnungen für eine erste Einschätzung. Wenn einerseits schnell reagiert wird, dann muss allerdings andererseits den Vorgängen, die zu Krisen und Kriegen geführt haben, entschieden nachgegangen werden. Sonst ist der Auftrag, zu informieren und aufzuklären, nicht erfüllt. Dies geschieht selten, eigentlich fast nie.

„Kapitales Versagen unseres Berufsstandes

Selbstkritisch muss festgestellt werden, dass nicht nur die Aufarbeitung vergangener Ereignisse von Bedeutung Defizite aufweist, sondern auch die Beobachtung der Gegenwart. Es ist ein kapitales Versagen unseres Berufsstandes, Entwicklungen wie die gegenwärtige Finanzkrise nicht aufgespürt zu haben. Bei den Möglichkeiten der Früherkennung, die es heute gibt, sollte es eigentlich unmöglich sein, dass ein Ereignis von einer derartigen weltweiten Wucht wie ein Tsunami die gesamte Menschheit überrollt, aus dem Nichts gewissermaßen.

Was erwarte ich vom Auslandsjournalismus? Dazu zwei Beispiele: Ich möchte nicht nur wissen, was vor und im Georgien-Krieg gelaufen ist; ich möchte auch wissen, was sich aus dem nebenan liegenden, noch ruhenden Krisengebiet Krim entwickeln könnte. Welche Überlegungen gibt es da auf Seiten Russlands, der Ukraine und der Nato? Wir sollten uns rechtzeitig darauf einstellen. Wenn es auf der Krim schief laufen sollte, haben wir ein Problem, das weit schwerer unter Kontrolle zu bringen sein dürfte als der Georgien-Krieg. Wir sollten umsetzen, was wir uns immer wieder vornehmen: aus der Vergangenheit zu lernen.

Auch wenn die Auslandsberichterstattung, was die Wahrnehmung durch die Bevölkerung angeht, etwas abgesackt ist, hat sie aus meiner Sicht eher an Bedeutung gewonnen als verloren. Wir sind in der Welt so eng zusammengerückt, dass wir am Geschehen auf allen Kontinenten interessiert sein müssen;  auch in Afrika, Lateinamerika und Zentralasien. Was dort passiert, kann uns bald berühren.

Auslandsberichterstattung besitzt nicht nur eine Existenzberechtigung, sondern sie ist Existenzpflicht, wie festgestellt wurde. Wie der Zehnkampf die Krone der Leichtathletik ist, so ist für mich aus eigener Erfahrung die Auslandsberichterstattung wegen ihrer Vielseitigkeit die Krone des Journalismus. Ob Nachrichtenfilm, Magazin, Reportage, Feuilleton, Feature, Satire, Dokumentation oder Live-Auftritt, in allen Fällen ist gekonnte Recherche oberstes Gebot. Nur mit guter Recherche kommt man der Wahrheit so nahe wie möglich. Für meine Schlussworte leihe ich mir die Worte von Sören Kierkegaard: „Wahrheit steht am Anfang des Vertrauens. Je echter die Wahrheit, umso kürzer der Weg zur Verständigung.“ Zur Verständigung beizutragen, ist nicht zuletzt Sinn der Auslandsberichterstattung.

Download: Festrede von Fritz Pleitgen [PDF - 104 KB]