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Pleitgen: Politik und Presse müssen gegen Journalistenmorde angehen
Festrede zur Brenner-Preisverleihung - Peters kritisiert Wirtschaftsjournalisten
Berlin (epd). Der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen hat an Politik und Presse appelliert, sich für den Schutz des Lebens von Journalisten in Kriegen und Konflikten einzusetzen. In diesem Jahr seien bisher 69 Journalisten in Ausübung ihres Berufs getötet worden, allein fünf davon im Georgien-Krieg, sagte Pleitgen, heute Präsident der Europäischen Rundfunkunion (EBU), am 22. Oktober in Berlin in einer Festrede zur Verleihung des Otto Brenner Preises. Der Journalistenpreis der IG Metall, der zum vierten Mal in verschiedenen Sparten vergeben wurde, ist mit insgesamt 45.000 Euro dotiert.
Den 1. Preis erhielten Anita und Marian Blasberg für ihre im „Zeit-Magazin Leben" veröffentlichte Reportage „Abschiebeflug FHE 6842". Der WDR-Wirtschaftsredakteur Jürgen Döschner bekam den 2. Preis für sein Radiofeature „Fire and Forget - Krieg als Geschäft". Der 3. Preis ging an die beiden ZDF-Redakteure Steffen Judzikowski und Hans Koberstein für eine „Frontal 21"-Schwerpunktsendung über „Deutschland im Griff der Energiekonzerne". Der Spezial-Preis für Meinungsbeiträge ging in diesem Jahr an Christian Bommarius, Leitartikler der „Berliner Zeitung". Jurymitglied Heribert Prantl („Süddeutsche Zeitung") sagte als Laudator in Berlin, Bommarius gehöre „zu den großen Kommentatoren in Deutschland". Seine Arbeit bei der „Berliner Zeitung" finde statt in einer „Umgebung, wo sehr viel gespart wird", sagte Prantl unter Anspielung auf die Renditeerwartungen der hinter dem Berliner Verlag stehenden Finanzinvestoren. Ein Verlag, der Leistungen wie die von Bommarius nicht zu schätzen wisse, sei „dumm - heuschreckendumm", fügte Prantl hinzu. Die Preisträger waren bereits seit dem 15. Oktober bekannt (epd 84/08).
Pleitgen kritisierte in seiner Festrede zur Preisverleihung (vgl. auch Dokumentation in dieser Ausgabe), mehr und mehr Journalisten würden „durch Mord gezielt ausgeschaltet". Dagegen müsse national und international in konzertierter Weise vorgegangen werden. Die Auslandsberichterstattung bezeichnete Pleitgen, der selbst Auslandskorrespondent war, als „Krone des Journalismus" und „Existenzpflicht" eines jeden Mediums. Insbesondere die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wolle er „ermutigen, mit starken Dokumentationen zur besten Sendezeit aufzutreten". Von kommerziellen Sendern sei auf diesem Feld keine Konkurrenz zu befürchten, sagte Pleitgen.
Der frühere WDR-Intendant forderte die sogenannten Heimatredaktionen in den Sendern auf, ihre Korrespondenten nicht zu überfordern: „Sie sollten ihnen Zeit geben, wirklich eigene Berichte zu liefern." Für guten Auslandsjournalismus spiele Recherche eine Schlüsselrolle. Um dabei gut zu sein, müssten Journalisten angemessen ausgestattet sein, „mit Ausbildung, Talent und Zeit, was alles natürlich Geld kostet", hob Pleitgen hervor. Er fügte hinzu: "Es lohnt sich."
Das Interesse des deutschen Fernsehpublikums an Auslandsreportagen habe zwar abgenommen, räumte Pleitgen ein. Gleichwohl sei die Auslandsberichterstattung eine Notwendigkeit, um der Propaganda vorzubeugen. Presse und Rundfunk seien mehr denn je gefordert, „um die Menschheit vor der Selbstverständlichkeit der ausgeklügelten, schwer zu entdeckenden Desinformation zu schützen" und sie dadurch vor falschen politischen Entscheidungen zu bewahren, so Pleitgen in seiner Festrede.
Der frühere IG-Metall-Chef und Verwaltungsratsvorsitzende der Otto-Brenner-Stiftung, Jürgen Peters, warf in seiner Begrüßungsrede die Frage nach der Verantwortung der Medien in der Banken- und Börsenkrise auf. Mit dem Finger auf die Bankenmanager zu zeigen, sei vollkommen richtig. „Doch ist die Finanzkrise auch ein guter Grund für die übergroße Mehrheit der Wirtschaftsberichterstatter, in den Spiegel zu schauen und sich zu hinterfragen", sagte Peters. Die aktuelle Erfahrung zeige, wie wichtig ein aufgeklärter, unabhängiger und unbequemer Journalismus für eine Gesellschaft sei. Peters kritisierte auch den Hauptstadtjournalismus, der mehr und mehr zur „Verklärung" von Politik tendiere. Außerdem sei eine enorme Beschleunigung und ein gesteigertes mediales Auskunftsverlangen gegenüber Politikern zu konstatieren: „Der Nachrichtenmarkt verlangt nach Statements, auch wenn sie nichts aussagen. Der Politik wird die Zeit zum Politikmachen genommen."