Otto Brenner Preis

Preisverleihung

Auf dieser Seite haben Sie die Möglichkeit, die Eröffnungsrede zum Otto Brenner Preis 2005 von Jürgen Peters zu lesen und einige Impressionen vom Otto Brenner Preis 2005 über eine Bildergalerie zu bekommen.

Eröffnungsrede Jürgen Peters

Sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Kolleginnen und Kollegen,

Wir sind in den letzten Tagen mehrmals gefragt worden, warum sich die Otto Brenner Stiftung entschieden hat, den Otto Brenner Preis in diesem Jahr für kritischen Journalismus zu vergeben? 

Lassen Sie mich das ohne Umschweife auf direktem Wege sagen:

Weil wir glauben: Es ist höchste Zeit, die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Zustand des Journalismus in Deutschland zu lenken.

Vielen Medien droht derzeit ein Substanzverlust, wenn sie sich von einem temporeichen blinden Mainstream treiben lassen.

Oft genug drängt sich einem der Eindruck auf, dass sich die Medienwelt eine Art „eigene Wirklichkeit“ geschaffen hat, in der es immer weniger auf die Inhalte selbst ankommt, sondern immer mehr auf die Art und Weise der Präsentation.

Auffallend ist außerdem, dass sich die Architektur der Leitmedien in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat. Ich habe den Eindruck, immer öfter schreiben neoliberale Medieneliten, was ihnen die Initiative „Neue soziale Marktwirtschaft“ und die mit ihr assoziierten Institute aufgeschrieben haben.

Allein die Initiative „Neue soziale Marktwirtschaft“ steckt seit ihrer Gründung in 2003, dreistellige Millionenbeträge in ihre PR-Arbeit. 

Nicht folgenlos! 

Eine solide Pluralität im wirtschaftspolitischen Diskurs um die besten Ideen und Konzepte sehen wir nicht mehr.

Ich darf einmal zitieren:

„Wenn die Medien Themen hochgeigen und nur mit einem Hot-Dressing servieren, trifft sie das irgendwann selbst. Sie verlieren Glaubwürdigkeit.“

Diese „weise“ Analyse stammt vom Juni diesen Jahres von einem Stern-Chefredakteur.

Drei Monate vor der Bundestagswahl im Stern-Media-Business (6/2005) abgedruckt.

Nach der Wahl gewinnt die Prophezeiung freilich eine besondere Bedeutung.

Spätestens nach dieser Bundestagswahl muss auch dem normalen Bundesbürger aufgefallen sein, dass in den Medien mit größter Gewissheit eine Scheinrealität herbeibeschworen wird, die - wie man an den Ergebnissen der Bundestagswahl überdeutlich sehen konnte - nicht zwangsweise etwas mit der Realität in der Bevölkerung zu tun haben muss.

Die Medien müssten nach diesem fulminanten Medienwahlkampf, spätestens jetzt ihre Rolle als Akteure in der Mediendemokratie kritisch reflektieren.

Warum wird so viel von vermeintlichen Experten abgeschrieben und nur noch so wenig bei den Betroffenen in der Bevölkerung und bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in diesem Land nachgefragt?

Über Meinungsumfragen zu berichten, ist eben bequemer, als selbst zu recherchieren.

Ich weiß: Daran sind nicht nur die einzelnen Redakteure schuld, sondern eben auch der Spardruck der Chefredaktionen, die Journalisten heute kaum Zeit und Luft zu einer tiefgehenden Recherche geben.

Und trotzdem: Hier müssen wir diese Entwicklung hinterfragen.

Sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Es geht um die Rolle der Medien als 4. Gewalt in unserem Staat.

Es geht um das Selbstverständnis der Medien. Über die Chancen und Grenzen des Journalismus in der Demokratie.

Die Verantwortung der Medien für den demokratischen Diskurs braucht Fundamente, die Wissen, Werte und Haltung mit einbeziehen.

Wir wollen, dass die „bestellten Wahrheiten“ es künftig wieder schwerer haben, den öffentlichen Diskurs zu bestimmen. 

Wir brauchen eine öffentliche Debatte über Rolle und Selbstverständnis der Medien als 4. Gewalt um auch somit dazu beizutragen, die Arbeitsmöglichkeiten für einen unabhängigen und recherchierenden Journalismus auf allen Ebenen wieder zu verbessern.  

Sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Mit unserer diesjährigen Ausschreibung des Otto Brenner Preises für Kritischen Journalismus wollen wir dazu einen positiven Trend für die Zukunft des kritischen Journalismus in Deutschland mit setzen.

Wir waren überrascht über die positive Resonanz.

135 Einsendungen - trotz der vielen Journalistenpreise. 

Wir haben für die Jury namhafte Vertreter aus der Zunft der Journalisten gefunden. 

Ich darf mich an dieser Stelle nochmals ganz herzlich und ausdrücklich bei Frau Mikich, Herrn Dr. Prantl, Herrn Schumann, Herrn Dr. Lilienthal und Herrn Dr. Leif für die ausgezeichnete, differenzierte und kritische Jury-Arbeit bedanken.

Meine Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ohne der konkreten Preisverleihung mit den hier persönlich anwesenden Preisträgerinnen und Preisträgern  vorgreifen zu wollen, darf ich bereits jetzt sagen:

1. Wir beabsichtigen den Brenner Preis für kritischen Journalismus zukünftig jährlich zu vergeben.

2. Wir haben ebenfalls die Absicht, die Mitglieder der Jury zu bitten, dauerhaft als solche zur Verfügung zu stehen.

3. Wir planen aufgrund der Vielzahl der ausgezeichneten Beiträge Anfang des nächsten Jahres einen Sammelband heraus zu geben, der über die Preisträger hinaus eine weitere Auswahl von lesenswerten Beiträgen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. 

Sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ganz besonders freut es mich, dass Herr Dr. Prantl als Mitglied der Jury und prominenter Vertreter seiner Zunft nunmehr die Laudatio für die bevorstehende Preisvergabe übernimmt.