Otto Brenner Preis

1. Preis - Marc Thörner

Prämierter Beitrag

„Wir respektieren die Kultur“ – Im deutsch kontrollierten
Norden Afghanistans 
(Deutschlandfunk, 06.02.2009)

Als am Sitz des deutsch geführten Regionalkommandos Nord ein Student als Gotteslästerer zum Tode verurteilt wurde, bezeichneten deutsche Stellen das als unvermeidlich: Schließlich dürfe Afghanistan nicht zur Marionette des Westens werden, es müsse auch die eigene Kultur respektiert werden. Das Feature verfolgt den „Fall“ und zeichnet die politischen Verhältnisse in der Nordprovinz nach.

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Kurzbiographie

Marc Thörner
geboren 1964 in Hamburg

Werdegang:

  • 2009 Freier Journalist (vorwiegend für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten)
  • 1995-2007 Freier Mitarbeiter der ARD (Auslandsreporter)
  • 1994 Freier Mitarbeiter beim NDR
  • 1992 Referent an der Katholischen Akademie Hamburg
  • 1990-1992 Freier Journalist
  • 1985 Studium der Geschichte und Islamwissenschaften in Hamburg

Veröffentlichungen, u.a.:

  • 2007 „Der falsche Bart. Reportagen aus dem Krieg gegen den Terror“, Nautilus Verlag
  • 2006 „Nebel am Hindukusch“, DLF-Radiofeature über die Bundeswehr in Afghanistan
  • 2006 „Wie ein Fisch im Wasser? Auf der Suche nach Osama Bin Laden“, DLF/WDR-Radiofeature
  • 2005 „Von Saddam City zu Sadr City. Die irakischen Schiiten“, Lamuv-Verlag

Jurybegründung von Harald Schuhmann

Warum kämpfen deutsche Soldaten in Afghanistan?

Zwei Gründe werden immer wieder genannt: 

Zum einen soll Sicherheit geschaffen werden. Indem wir mit Soldaten und Ausbildern den Afghanen helfen, einen stabilen Staat zu bauen, verhindern wir, dass das Land erneut zum Freiraum für Al Qaida und andere Terrorgruppen wird, es also weniger Terroristen gibt, die uns bedrohen.

Zum anderen bringen wir den Afghanen angeblich Demokratie, Aufklärung und den Rechtsstaat. Nie wieder Steinigungen oder öffentliche Auspeitschungen und Bildung für alle, auch die Frauen – so lautet das Versprechen.

Inzwischen sind fast acht Jahre vergangen, seitdem die Bundeswehr dort eingerückt ist, und längst ist klar, dass beide Ziele nicht erreichbar sind.

Der Präsident fälscht die Wahlen, die Taliban werden immer stärker, der Drogenhandel blüht und die Soldaten können den Sinn ihres Einsatzes selbst nicht mehr erkennen.

Und obwohl all das offensichtlich ist, gibt es fast keine öffentliche Auseinandersetzung in Deutschland darüber, was eigentlich schief gegangen ist. Unsere Soldaten sterben und wir verlieren Milliarden – aber keiner guckt hin.

Außer Marc Thörner. Meine Damen und Herren, ich bin froh, heute Abend einen Kollegen auszeichnen zu dürfen, der seit langem mit großem journalistischem Einsatz versucht, diese Ignoranz gegenüber unserem Krieg zu überwinden – und das mit einer Hartnäckigkeit, die höchste Anerkennung verdient.

Natürlich gibt es auch andere Journalisten, die in Afghanistan hart recherchieren und kritisch berichten. Aber Marc Thörner ist mit seinem Radiofeature über die wahren Hintergründe der angeblich religiös motivierten Verfolgung und Verurteilung des Studenten Pervez Kaambaksh etwas gelungen, das weit über all die anderen Reportagen und Analysen hinausreicht, die gemeinhin geboten werden:

Nach dem Anhören der Sendung – und auch nach dem Lesen des Manuskripts – hat selbst der vorher wenig kundige plötzlich ein ziemlich klares Bild von den afghanischen Verhältnissen. Es geht gar nicht in erster Linie um Religion und Kultur, um Rückständigkeit oder das Aufbegehren gegen die Besatzer. Nein, die vermeintliche afghanische Krankheit ist uralt und universal: Es ist die simple Gier nach Macht und Geld, die mit Gewalt durchgesetzt und ideologisch-religiöser Propaganda gerechtfertigt wird.

Da wird ein Student zum Tode verurteilt, weil er an seiner Universität angeblich gotteslästerliche Texte verteilt hat und der deutsche Mainstream tönt: Seht, das ist der religiöse Fanatismus der rückständigen Afghanen, so sind sie eben. Im Spiegel las man damals: „Er, also der Angeklagte, sprach vom Recht, gemacht von Menschen. Sie (gemeint waren Richter und Staatsanwalt) sprachen vom Recht, gemacht von Gott.“

Und alle haben’s geglaubt, einschließlich der deutschen Strategen hier gegenüber im Bendlerblock und im Bundestag, im AA und im Kanzleramt. Und unter der Maßgabe „Wir respektieren die Kultur“ gab es keine Einmischung.

Marc Thörner aber gab sich nicht zufrieden damit. Im Gegensatz zu jenen, die nur das Klischee bedienten, um ihre Story rund aussehen zu lassen, nahm er die Klage des Bruders des Verurteilten ernst. Der hatte gesagt, das Urteil diene nur dazu, ihn, den im Land sehr bekannten Journalisten mundtot zu machen, damit er nicht weiter über die Verstrickung der Regierung Karzai und ihrer Provinzgouverneure in den Drogen- und Waffenhandel berichtet, solange sein Bruder im Gefängnis sitzt.

Und dann fand Thörner Zeugen, die überzeugend bestätigen konnten, dass die Belastungszeugen gekauft waren, dass der Richter allgemein als korrupt bekannt ist und dass der zuständige Gouverneur, der zugleich der wichtigste Partner der Bundeswehr vor Ort ist, großes Interesse daran hatte, den Bruder des Verurteilten zum Schweigen zu bringen. Denn selbst der General der Grenzpolizei beschuldigte eben diesen Gouverneur, am Schmuggel mitzuverdienen.

Vor allem aber, und das war für mich die größte Stärke des Stücks, wandte sich Thörner an die örtlichen Geistlichen, um sie zu nach der Scharia und ihrer Meinung zum Todesurteil zu befragen. Und in aller Offenheit bekennt der bis dahin führende Imam einer der größten afghanischen Moscheen, dass all das gar nichts mit der afghanischen Rechtstradition zu tun habe, sondern allein dem Missbrauch der mit den Gotteskriegern aus Saudi-Arabien importierten Ideologie der dortigen wahabistischen Prediger, deren Radikalität wiederum ein Produkt ihres Deals zur Teilung der Macht mit den saudischen Feudalherren ist.

Mit anderen Worten: Wir und unsere Soldaten kämpfen auf der Seite einer kleinen korrupten, machtgierigen Schicht ehemaliger Mudschaheddin-Generäle und Warlords, die genauso wenig wie ihre aus saudischen und pakistanischen Quellen geförderten Gegner davor zurückschrecken, den Islamismus als gewalttätiges Machtinstrument zu missbrauchen.

So klar und so präzise, wie in dieser auch handwerklich hervorragend gemachten Reportage, habe ich, und ich glaube, das gilt für die ganze Jury, haben wir das noch nirgendwo gelesen, gehört oder gesehen. Darum bin ich froh, hierfür den 1. Preis vergeben zu können.

Dahinter steht nicht zuletzt auch die Hoffung, dass wir damit Sie, Herrn Thörner, aber hoffentlich auch noch viele andere Kollegen anstiften können, intensiver und genauer zu recherchieren, wenn sie aus Afghanistan berichten.

Natürlich weiß auch ich nicht, wie wir je mit einem halbwegs erträglichen Ergebnis aus dem Konflikt herauskommen.

Aber eins halte ich für sicher: Wenn wir nicht endlich eine ehrliche und gut informierte Debatte über Deutschlands Rolle in Afghanistan bekommen, dann werden wir so tief in diesen schmutzigen Krieg hineingezogen, dass auch unsere eigene Verfassung Schaden nehmen wird. Darum meine Bitte: Bleiben Sie dran!