Otto Brenner Preis

Otto Brenner Preis "Spezial" - Christian Semler

Prämierter Beitrag

Christian Semler hat den Otto Brenner Preis "Spezial" 2009 für sein journalistisches Werk, mit dem er sich für Demokratie und Bürgerrechte einsetzt, erhalten. Hier finden Sie eine Sammlung von Artikeln aus dem taz-Archiv von Christian Semler.

Kurzbiographie

Christian Semler
geboren 1938 in Berlin

Werdegang:

  • Seit 2009 Freier Autor der taz (Schwerpunkte: demokratische Rechte, historische Grundlagen der Politik, Geschichtspolitik)
  • 1989 Redakteur der taz mit Schwerpunkt Osteuropa; Kolumnist der „Wochenpost“
  • Seit 1980 Freier Journalist; Unterstützungsarbeit für die demokratische Opposition in Ostmitteleuropa; Mitglied von „Solidarität mit Solidarnosc“
  • 1970 Mitbegründer und Funktionär der maoistischen KPD (AO)
  • Seit 1965 Aktivist im Westberliner SDS (bis zu dessen Auflösung 1970)
  • Seit 1962 Zweitstudium Politik und Geschichte; Journalistische Arbeit (u.a. für SFB und NDR)
  • 1957-1961 Studium der Rechtswissenschaft in Freiburg/Breisgau und München; 1. jur. Staatsexamen
  • 1957 Abitur am Goethe-Gymnasium, Berlin 

Veröffentlichungen:

  • Seit 1980 Verfasser zahlreicher Aufsätze (u.a. für Freibeuter, Kursbuch, Kommune, Aus Politik und Zeitgeschichte, Le Monde diplomatique) und Herausgeber (Mitautor) von Textsammlungen, insbesondere zu politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in „Osteuropa“

Jürybegründung von Heribert Prantl

Als Christian Semler Maoist war, war ich noch Ministrant. Das ist lange her. Mittlerweile ist Semler längst nicht mehr Maoist, und ich bin nicht auch nicht mehr Ministrant. Wir beide sind, jeder auf seine Weise, fortgeschritten. Wir haben uns bisher, bis zum heutigen Abend, nie persönlich getroffen – und uns doch gefunden auf einem Gebiet, das uns beide angelegen ist: Er, der Ältere, und ich der Jüngere, ackern auf einem Feld, auf dem viel Unkraut wächst: Es heißt Rechtsstaat und Bürgerrechte.

Mir sind, als ich als Kommentator und Leitartikler noch sehr jung und sehr frisch war, sogleich die Stücke von Christian Semler in der taz aufgefallen. Ich spürte sogleich: Da zieht einer seine Furchen mit ungeheurer Sachkenntnis, mit Präzision, mit profundem Wissen. Und seitdem lese ich Christian Semler – der einer der klügsten journalistischen Köpfe ist, die ich kenne. Er ist einer, der nicht wohlfeil daherbrabbelt; er ist keiner, dessen Meinung schon fertig ist, bevor das Ereignis, das er kommentiert, passiert ist; er ist nachdenklicher, kein vorpreschender Mensch: Er ist ein bewundernswert gescheiter, ein scharfsinniger journalistischer Streiter für Rechtsstaat und Bürgerrechte. Er ist ein Radikaldemokrat im allerbesten Sinn, also einer, der sich nicht mit einem lauen Bekenntnis zur Demokratie zufrieden gibt; in seinen Texten geht er ihr auf den Grund, er verfolgt ihre Wurzeln zurück bis in die Tage der Revolution von 1848.

Als Daniel Cohn-Bendit ihm zum 70. Geburtstag in der taz eine kleine Eloge geschrieben hat, hat er den Kopf des Christian Semler schön beschrieben: Christian Semler sei das „lebendige Gedächtnis der linken Revolte von 1968“. Und in diesem Kopf  tobt ein ständiger Kampf zwischen linker und rechter Gehirnhälfte, „hier die kühle Analyse, dort Kreativität und Gefühle“. Man liest mit Spannung, was er schreibt, „weil man immer wissen will, welcher Verstand diesmal die Oberhand gewonnen hat“. Cohn-Bendit hat Christian Semler „ein starkes, linkes Gewissen attestiert“. Beides sei manchmal, zum Beispiel auf dem Balkan, schwer zusammenzubringen:  „Aber Semler gelingt es, und das macht ihn menschlich“.
Semler bläst beim Schreiben nicht in die Posaune. Er hat nicht die Illusion, dass man mit dem Schreiben die Mauern von Jericho einstürzen lassen kann. Er ist ein nachdenklicher, skrupulöser, ein wissender Schreiber. Er spürt die Widersprüche in sich und in den Dingen, und gibt ihnen beim Schreiben Raum: Ich vermute, dass er deswegen nicht Politiker geworden wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, die Semlers Nachfolger und Erben waren in der 68er Revolte. Semler hat das gewaltige Ego nicht, das man braucht, um  Widersprüche und Vorbehalte in sich selbst zu überspielen. Er streitet mit seinen klugen Arbeiten für die Demokratie – im Wissen, dass er einst gegen diese Demokratie gestritten hat. Sein Werk ist auch deswegen so glaubwürdig, weil es das Ergebnis eines langen, verschlungenen Weges ist, ein Produkt eines persönlichen Läuterungsprozesses: Semler war einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung, er war der Gefährte von Rudi Dutschke. Und er wurde in und nach vielerlei Wirrnissen ein überzeugter, überzeugungskräftiger und weiser Demokrat.

Semlers Leben ist ein politischer Roman. Wie kam eigentlich eine studentische Protestbewegung, die ursprünglich adrett gekleidet und gescheitelt, das Recht auf freie Meinungsäußerung auf dem Campus und eine demokratische Reform der Universitäten einforderte, zum Sozialismus als einer radikalen gesellschaftlichen Alternative? Christian Semler beantwortet diese Frage selbst, in einem Stück, das „Unser geliebter Sozialismus“ heißt. Am Anfang, sagt er, „steht eine Ausstoßung, der Ausschluss des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS aus der SPD. Diese erzwungene Selbständigkeit zog wider Erwarten eine reale Selbständigkeit nach sich“. Das war sicher eine große Weichenstellung im Leben des  Christian Semler. Über die andere Weichenstellung habe ich sinniert, als ich vor einiger Zeit im Wirtschaftsministerium vor der dortigen Bilder-Ahnengalerie der Minister stand: Das allererste Bild, das vor dem Bild von Ludwig Erhard hängt, zeigt Johannes Semler, den Vater unseres Preisträgers. Semler senior war ein gesuchter Finanzfachmann und Wirtschaftsprüfer, ein Abwickler von Großunternehmen, Sanierer der Hentschel-Werke, von Borgward und BMW, er war Mitgründer der CSU und Direktor der Verwaltung für Wirtschaft der Vereinigten Wirtschaftsgebiete nach dem Krieg, also quasi der erste bundesdeutsche Wirtschaftsminister. Wenn ich so einen Vater gehabt hätte, so dachte ich mir, als ich vor der Bilderwand stand, wäre ich wahrscheinlich auch nicht Ministrant, sondern erst mal Maoist geworden.

Seit über zwanzig Jahren schreibt Christian Semler ganz wunderbar für die taz, vor allem über Recht, Demokratie, Demokratiegeschichte und Geschichtspolitik. Seine Stücke zu Demokratie, Bürgerrechten und zu der Geschichte dieses Landes gehören zum Besten, was der politische Journalismus in Deutschland zu bieten hat. Und als ich über diese kleine Laudatio nachgedacht habe, ist mir ein Spruch zum Verhältnis von Macht und Recht eingefallen, zu einem Verhältnis also, das Christian Semler und mich immer wieder sehr beschäftigt. „Dass Macht vor Recht geht“, so sagt dieser Spruch, „damit könnte man sich zur Not noch abfinden. Aber dass das Recht auch noch hinter der Macht geht, das ist traurig!“ Ich weiß nicht ob dieser Aphorismus von Christian Semler stammt. Er könnte jedenfalls von ihm sein.
Lieber Christian Semler, meine Bewunderung, meine ganz herzlichen Glückwünsche zu diesem Preis für ihr journalistisches Werk. Schreiben Sie weiter. Nicht nur die taz kann ihre Klugheit brauchen.