Otto Brenner Preis

1. Preis – Carolin Emcke

Den 1. Preis der Otto Brenner Stiftung erhält Carolin Emcke, Publizistin und Reporterin. Die Jury lobt die „gedankliche und sprachliche Präzision“ der Ausnahmejournalistin und ihren intellektuellen Mut, „der bewundernswert ist“.

  • Prämierter Beitrag "Liberaler Rassismus" [PDF – 1,1MB] DIE ZEIT Nr. 9/2010
  • Link zum Beitrag auf zeit.de

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Jurybegründung von Prof. Dr. Heribert Prantl

 

Wenn man einen Text schreibt, wie den, für den Carolin Emcke ausgezeichnet wird, muß man vor allem mit Widerwärtigkeiten rechnen. Dann kriegt man nicht nur die Briefe der Ewiggestrigen, die ihre Geiferei und ihre Tiraden mit einem Hakenkreuz unterschreiben. Dann kriegt man nicht nur maßlose Beschimpfungen und Beleidigungen, wie sie jeder kennt, der für ein gutes Miteinander von Alt- und Neubürgern in Deutschland wirbt. Wenn man Muslime gegen Pauchalverdammungen verteidigt, wie Carolin Emcke das in brillanter Weise getan hat, erlebt man Reaktionen, wie man sie in einer halbwegs aufgeklärten Gesellschaft nicht für möglich gehalten hätte. Es ist, als sei ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft mit dem Buch von Sarrazin im Marschgepäck zu einem neuen Kreuzzug aufgebrochen.

 

Aber Carolin Emcke ist keine, die sich einschüchtern lässt. Carolin Emcke ist eine Ausnahmejournalistin. Sie ist es nicht nur deswegen, weil sie oft in den Ausnahmegebieten der Welt arbeitet, also im Irak, im Iran oder in Afghanistan. Sie ist es deswegen, weil sie (früher beim „Spiegel“, heute vor allem für die „Zeit“) mit einer gedanklichen und sprachlichen Präzision arbeitet, die ihresgleichen sucht – und mit einem intellektuellen Mut, der bewundernswert ist. Wer wissen will, was aufklärerischer Journalismus ist, der muss Carolin Emcke lesen. Wer wissen will, warum die Debatte über den Islam in Deutschland so schauerlich falsch läuft, der muss ihren ausgezeichneten Text studieren.

 

Der ausgezeichnete Text heißt: „Liberaler Rassismus“.  Schon diesen Titel halten die liberalen und die bürgerlichen Anhänger von Sarrazin und Co für eine Unverschämtheit, und sie haben recht, weil dieser Text ihnen sagt, warum sie sich schämen müssen: deshalb, weil der liberale Rassismus sein eigenes Wertesystem missbraucht, wenn er scheinbar gegen den Rassismus vorgeht, aber den Islam als Ganzes verteufelt. Er missbraucht sein eigenes Wertesystem, wenn er gegen die Unterdrückung der Frau kämpft, aber tatsächlich die freie Ausübung des Glaubens verhindern will.

 

Der neue, modische Rassismus macht alle Muslime für die Fundamentalisten haftbar. Der belgische Extremist Wilders treibt das auf die Spitze, indem er den Islam auf eine Stufe stellt mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus. Aber damit ist Wilders wohl gar nicht Extremist, sondern Exponent und Exponat des breiten liberalen Rassismus, den Emcke so eindrucksvoll kritisiert. Carolin Emcke zeigt, wie die Ideale der Aufklärung pervertiert werden: weil man unter ihrem Deckmantel die Anhänger einer Weltreligion als Gefahrpersonen pauschalisiert. Emcke appelliert daher, nicht auf das Kopftuch zu schauen, sondern auf den Menschen darunter: Im Iran, darauf weist sie eindringlich hin, kämpfen kopftuchtragende Frauen gegen ein Regime der Unterdrückung.

 

Emcke schwimmt gegen die gängige Meinung; aber sie schwimmt nicht nur; sie argumentiert: sie tut es klug, mit dem präzisen Blick der Kriegsreporterin und mit der Erfahrung der Journalistin, die die Krisengebiete der Welt kennt. Carolin Emcke schreibt an gegen die Mehrheitsmeinung  - mit dem Mut, der sie als Reporterin in Kriegsgebiete geführt hat, die von anderen Journalisten nicht mehr betreten werden. Ihr Essay wider den liberalen Rassismus steht in einer großen geistigen Tradition, in einer Tradition wider die Kreuzzügler und die Islamophobie, in einer aufgeklärten Tradition des Rationalismus, die einst mit John Wiclif und Nikolaus von Cues begonnen hat.

 

Vielleicht erstaunt es unsere Preisträgerin, wenn ich ihr einen katholischen Streitgenossen zur Seite stelle, den verstorbenen Wiener Kardinal Franz König, einen der ganz Großen der katholischen Religion im 20. Jahrhundert. Er hat vor zwölf Jahren in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt: Europa sei zwar durch das Christentum geprägt und geformt worden; das könne aber heute nicht einfach kopiert und neu aufgelegt werden. Und auf die Frage, ob er denn die „islamistische Herausforderung“ nicht sehe, antwortete er: „Wenn man nur in der Vergangenheit lebt, ist das richtig. In der Zukunft muss man zu einem gegenseitigen Respektieren kommen. Es mag sein, dass momentan das Interesse an einem Dialog nicht besonders groß ist, aber: Wir – Christentum und Islam, Türkei und Europa – müssen miteinander leben, nicht nebeneinander.“  Und dann sagte der alte Mann etwas Europäisch-Programmatisches: „Wir haben so viele verschiedene Kulturen auf heimatlichem Boden, dieser Reichtum darf nicht nivelliert werden, er muss das vereinte Europa prägen. Der Reichtum der Sprachen, der Kulturen, der Traditionen und Religionen – er muß hinein genommen werden in einer wirkliche Union.“

 

Dem weisen alten Kardinal würde wohl heute vorgeworfen werden, was auch Carolin Emcke vorgeworfen wurde: Diese Argumentation verfolge „eine hinlänglich bekannte Strategie der Verharmlosung“. Welch ein Unsinn. Der alte Kardinal, er war ein geistiger Vater des 2. Vatikanischen Konzils, hat für den gegenseitigen Respekt der Kulturen und Religionen geworben. Und dafür wirbt auch der ausgezeichnete Text von Carolin Emcke.

 

Es geht nicht nur um Toleranz; es geht um Respekt. Der Gegenbegriff zur Toleranz ist nämlich die Intoleranz – wir wissen, wie leicht der Wechsel dorthin ist, wie wenig es hierzu bedarf und wie schwer es ist, wieder zurück zu finden von der Intoleranz zur Toleranz. Wir brauchen also etwas Tieferliegendes, etwas, das nicht so leicht entwurzelt werden kann – Respekt. Das Verhältnis des katholischen zum protestantischen Bürger oder des protestantischen zum katholischen Bürger ist dafür ein Vorbild: sich gegenseitig nicht nur gewähren, sondern gelten lassen.

 

„Wir – Christentum und Islam, Türkei und Europa – müssen miteinander leben, nicht nebeneinander“. Der Satz könnte auch auf der Preisurkunde für Carolin Emcke stehen.

 

Wir zeichnen Carolin Emcke aus, weil aufgeklärte Vernunft in diesen aufgeregten Zeiten einen ersten Preis verdient – und weil ihr Text auf glänzende Weise für das Miteinander der Menschen, ihrer Kulturen und Religionen wirbt.