Otto Brenner Preis

2. Preis – Christoph Lütgert mit dem Redaktions-Team „Panorama – Die Reporter“, NDR

Christoph Lütgert und seinem NDR-Team „Panorama – Die Reporter“ ist es nach Auffassung der Jury gelungen, das „Schicksal der für KiK arbeitenden Näherinnen in Bangladesch und der Verkäuferinnen ihrer Produkte in Deutschland so authentisch zu schildern, dass Weggucken schwerfällt“. Für ihren Beitrag "Die KiK-Story" (ARD-exclusiv), ausgestrahlt am 04.08.2010, erhält das Team den 2. Preis.

Das Redaktionsteam besteht aus Christoph Lütgert, Dietmar Schiffermüller, Britta von der Heide, Sabine Puls und Kristopher Sell.

Sie können den Beitrag im unten stehenden Player anschauen.

Die KiK-Story" (ARD-exclusiv), 04.08.2010

 

 

Jurybegründung von Harald Schumann und Gespräch mit den Preisträgern


Haben Sie sich nicht auch schon ab und zu gefragt, wie es sein kann, dass in manchen Läden ein T-Shirt nur einen Euro kostet und man sich für 30 Euro vollständig einkleiden kann? Klar, man kann es sich denken: Die Ware kommt aus Ausbeuterfabriken in armen Ländern und auch die Verkäuferinnen kriegen nur Armutslöhne. In der Regel verdrängt man dann solche Gedanken schnell, so ist sie eben, die Globalisierung, da kann man eh nichts machen.

 

Oder kann man vielleicht doch? Kann man versuchen, die Hersteller und die Vermarkter zu zwingen, für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen, indem man ihre Praktiken öffentlich macht? Genau das hat dieses Reporterteam des NDR in diesem Jahr versucht, und ich sage gern, dass ihnen das mit Bravour gelungen ist. Christoph Lüttgert, Sabine Puls und Kristoffer Sell haben mit ihrem Film „Die Kik-Story“ bewiesen, dass es sehr wohl möglich ist, einen scheinbar unausrottbaren Missstand für eine breite Öffentlichkeit so aufzubereiten, dass zumindest jenen, die den Film gesehen haben, künftig das Wegschauen schwer fällt. Wer diese Reportage über die Methoden des Billigdiscounters KiK gesehen hat, der wird die Läden dieses Unternehmens künftig so lange meiden, bis es glaubhaft nachweisen kann, dass existenzsichernde Löhne gezahlt werden und die Näherinnen menschenwürdige Arbeitsbedingungen genießen.

 

Das Besondere an diesem Film ist aber nicht, dass er Zahlen und Fakten und Verantwortliche nennt, das haben auch andere schon vielfach getan. Die herausragende Leistung liegt vielmehr darin, dass es den Autoren gelungen ist, das Schicksal der für KiK arbeitenden Näherinnen in Bangladesch und das der Verkäuferinnen ihrer Produkte in Deutschland wirklich authentisch zu schildern. Die Opfer der menschenverachtenden Methoden im asiatischen Textilgewerbe werden dem Zuschauer so nahe gebracht, dass er wirklich versteht, wie ihre Notlage mit der unreflektierten Schnäppchenjagd bei uns verknüpft ist. Herausragend ist auch, wie es den Autoren gelingt, die zynische Verachtung der verantwortlichen Manager einzufangen. Perfekt werden da die Werbeveranstaltungen des Konzerns mit ihrem inszenierten Frohsinn mit den Bildern aus den Slumwohnungen der Arbeiterinnen in Dacca gegengeschnitten. Und die dümmlich dreiste Verweigerung des Konzernchefs, dazu Stellung zu nehmen, erzählt alles über seine Einstellung. Selten wurden die Ausbeuter im globalen Textilgeschäft so deutlich an den Pranger gestellt.

 

Hervorzuheben ist schließlich, dass die Autoren ihre Zuschauer auch daran teilhaben lassen, wie der Konzernboss und seine Anwälte versuchen, den Bericht per Gerichtsbeschluss zu verbieten. Damit demonstrieren sie vorbildlich, wie solchen Anschlägen auf die Pressefreiheit zu begegnen ist: Nämlich, indem man genau solche Repressalien öffentlich macht. Dazu gehört allerdings auch, dass man Chefredakteure und Justiziare hat, die zu ihren Leuten stehen und auch mal einen Prozess riskieren. Das ist leider keineswegs alltäglich. Insofern gebührt dieser Preis nicht den Autoren allein, sondern auch den Verantwortlichen beim NDR, die keine Kosten und Prozessrisiken gescheut haben, um das Vorhaben umzusetzen.

 

Und der große Erfolg der „KiK-Story“ bei den Zuschauern hat ihnen Recht gegeben. Damit ist der Film auch Beleg dafür, dass aufwändig recherchierte und verständlich erzählte Reportagen über Missstände in der globalisierten Ökonomie auch zur besten Sendezeit auf breites Interesse stoßen. Das ist preiswürdig, keine Frage. Und am besten wäre es, wenn dieser Erfolg den Entscheidern beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen Mut macht, ihre Gebühreneinnahmen auch für weitere solcher Projekte bereit zu stellen. Liebe Kollegen, wir brauchen noch viel mehr davon.